Buchcover: So war das nicht geplant

So war das nicht geplant

  • Velvet Line
  • Kostenlos für dich: Novelle mit 24 Kapiteln
  • 1 von 24 Kapiteln bereits verfügbar
  • Erscheint: 1. Dezember 2026

Für alle, die außergewöhnliche Kulissen, freche Protagonisten und ein wenig Gefühlschaos mögen.

Im Advent lade ich zum Mitlesen ein: Begleite Clarissa in das Tempelreich von Namar. Jeden Tag im Advent wird ein weiteres Kapitel freigeschaltet.

Die Novelle ist mein Adventsgeschenk für dich. Du kannst sie kostenlos und ohne Konto im SynReader lesen. Das vollständige EPUB gibt es ab dem 24. Dezember, sobald alle 24 Kapitel freigeschaltet sind.

Worum es geht

Seit Jahren buchen wir denselben Urlaub: drei Wochen im virtuellen Tempelreich Namar. Mein bester Freund spielt den Fürsten und ich seine Frau. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der ich ihm nahe sein darf. Diesmal bringt er jedoch seine neue Freundin mit. Sie bekommt meinen Platz an seiner Seite und ich werde zum Orakel degradiert.

Damit ich mich nicht überflüssig fühle, hat er mir sogar ein Ersatzdate besorgt, nämlich seinen Arbeitskollegen Nico. Leider bin ich viel zu sehr mit meinem Liebeskummer beschäftigt, um dessen Vorzüge zu würdigen. Dennoch nehme ich mir vor, mir den Spaß am Ausflug nicht verderben zu lassen. Zwischen sonnigen Palastgärten, höfischen Festen und zweifelhaften Weissagungen muss doch auch für mich ein bisschen Urlaubsromantik drin sein.

Leseprobe

Kapitel 1

Der falsche Platz

Unerwiderte Liebe lässt sich erstaunlich lange ertragen, solange der betreffende Mann nicht auf die Idee kommt, seine neue Freundin in den gemeinsamen Urlaub mitzubringen. Ich hätte auf seinen Vorschlag vermutlich etwas anderes antworten sollen als »Klar, je mehr, desto besser«. Dann würde Elena jetzt nicht auf meinem Platz sitzen und ich bräuchte nicht so zu tun, als würde ich mich für die beiden freuen.

Von hier unten kann ich nicht besonders viel von ihr erkennen, weil die goldverzierte Sänfte auf den Schultern von sechs Männern ruht, die allesamt größer sind als ich. Aber ab und zu taucht ihr blonder Haarschopf zwischen den Vorhängen auf und jedes Mal bilde ich mir ein, ein Lächeln auf ihren Lippen zu sehen. Und dazu hätte sie auch allen Grund. Die letzten drei Jahre hatte ich selbst die Ehre, die Gattin des Fürsten von Namar zu spielen und deshalb weiß ich, wie komfortabel diese Sitze sind. Außerdem hat sie Noam neben sich. Wer wäre da bitte nicht glücklich?

Ich für meinen Teil stehe seit ungefähr drei Minuten in goldenen Sandalen auf dem Kopfsteinpflaster des Sonnenplatzes und versuche, eine Haltung zu finden, bei der mir der linke Riemen nicht ins Fleisch schneidet.

Für ein Orakel habe ich erstaunlich wenig hiervon kommen sehen. Zum Beispiel habe ich nicht kommen sehen, dass unsere alljährliche Scheinehe ausgerechnet an einer echten Beziehung scheitert, und auch nicht, dass er mir bei der Gelegenheit gleich noch seinen Arbeitskollegen aufs Auge drückt. Natürlich hat er das nicht so formuliert. Er meinte, zu viert käme sich niemand überflüssig vor. Ich hatte mich bis dahin zwar nicht überflüssig gefühlt, aber danke für den Hinweis!

»Ihr macht das also jedes Jahr?«, fragt Arbeitskollege Nico, der nur einen knappen Meter neben mir vor einer steinernen Löwin gelandet ist.

»Jep. Zum vierten Mal.«

Zum ersten Mal buchten wir das Tempelreich Namar kurz nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag. Gefühlt hatte da jeder schon einen virtuellen Urlaub gemacht. Für uns war es das erste Jahr, in dem wir beide alt genug dafür waren.

Drei Wochen lang durfte ich neben ihm sitzen, seine Hand halten und mich an ihn lehnen, ohne mich dafür erklären zu müssen. Wir haben uns sogar geküsst. Es gehörte zu unseren Rollen und hatte nichts zu bedeuten. Dennoch zehrte ich den Rest des Jahres davon.

»Du siehst ein wenig verunsichert aus«, bemerkt Nico.

Verunsichert? Das muss ich mir ausgerechnet von ihm sagen lassen. Eben hat er mit offenem Mund seine Hände betrachtet und anschließend vorsichtig die Nase der Löwin angefasst. Selbst wenn er nicht erzählt hätte, dass das sein erster Syntera-Realms-Ausflug ist, hätte ein kurzer Blick auf sein Gesicht genügt, um es zu wissen.

»Normalerweise stehe ich auch nicht hier herum wie ein …« Mit den Armen fuchtle ich in der Luft herum und die goldenen Quasten wippen fröhlich mit. »Vorhang.«

Nico mustert mein Gewand, bevor sein Blick über meine Sommersprossen und weiter zu den hochgesteckten braunen Locken wandert. »Ich finde, du siehst gut aus.«

»Ich würde dir das Kompliment zurückgeben, aber die Feder an deinem Hut macht es mir schwer, dich ernst zu nehmen.«

Seine Hand schießt nach oben und als er sie ertastet, verzieht sich sein Mund.

Das war unfair, denn er sieht erheblich besser aus, als ein Mann in türkisfarbenen Pluderhosen und kniehohen Schnürstiefeln aussehen dürfte. Als Noam ihn mir als »netten Kerl« angekündigt hat, bin ich davon ausgegangen, dass dies seine hervorstechendste Eigenschaft sein würde. Tja, da lag ich daneben. Mit diesem Körper in Kombination mit der gebräunten Haut und den dunklen Locken würde man ihm so manche charakterliche Schwäche verzeihen. Leider ist mein Herz zu festgefahren, um seiner Attraktivität die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient.

Eine Frau mit einer kurzen Lederweste über einem cremefarbenen Leinenhemd steuert auf uns zu. Das muss meine Willkommensszene sein. Da ich das Orakel zum ersten Mal spiele und keine Ahnung habe, was mich erwartet, trete ich sicherheitshalber einen Schritt zurück.

Umsonst, wie sich herausstellt. Ihre Aufmerksamkeit gilt nämlich ausschließlich meiner Zwangsbegleitung. Anscheinend ist sie nicht für das Orakel zuständig, sondern für … Mist, was hat Arbeitskollege Nico noch mal für einen Charakter gewählt? Ich war beim Aussuchen der Rollen zu sehr damit beschäftigt, gute Laune vorzutäuschen, um es mir zu merken. Allein die Tatsache, dass wir dieses Jahr zu viert auf unseren Gelmatten in Noams Schlafzimmer liegen, war schon ablenkend genug. Vor allem, wenn man darüber nachdenkt, dass uns das Pflegeteam auch ausziehen und waschen muss.

Oh mein Gott, vielleicht legen sie uns in eben diesem Augenblick den Katheter an! Der Gedanke lässt mich unbehaglich auf der Stelle treten.

»Euer Falke wartet, mein Herr!«, verkündet die Frau und drückt Nico einen dicken Lederhandschuh in die Hände.

Ah, der königliche Falkner also. Bei der Feder hätte ich eigentlich darauf kommen können.

Mit einem skeptischen Gesichtsausdruck streift er den Handschuh über, als von der anderen Seite ein Brautpaar, mehrere Tänzerinnen und eine Schar Hochzeitsgäste auf den Platz strömen. Diese Begrüßung kenne ich. Ich durfte sie mir schon dreimal von meinem gepolsterten Ehrenplatz aus antun. Das Brautpaar wird vor der Sänfte niederknien und um den fürstlichen Segen bitten. Daraufhin hält Noam eine kleine Rede und sofern er dieses Jahr nicht spontan einen neuen Gag findet, erkundigt er sich anschließend nach den örtlichen Scheidungsbestimmungen. Das ist für gewöhnlich der Moment, in dem ich ihm den Ellbogen in die Seite stoße. Ich frage mich, wie Elena das handhaben wird.

Oh, da drängt sich ein Junge zwischen den Tänzerinnen hindurch. Das muss meine Szene sein.

»Erleuchtete!«, ruft er atemlos und fällt vor mir auf die Knie. »Ihr müsst mir helfen.«

Stirnrunzelnd sehe ich auf ihn hinunter.

»Was ist denn …«

Heilige Scheiße! Gerade so kann ich mich noch ducken, als ein graubrauner Schatten von der Tempelmauer herabschießt, über meinen Kopf hinwegsaust und geradewegs auf Nico zuhält. Für einen Moment kann ich nicht einmal mehr sein Gesicht hinter den schlagenden Flügeln erkennen.

Nico ist mindestens ebenso erschrocken wie ich. Mit der freien Hand stützt er seinen ausgestreckten Unterarm, während sich die Krallen des Falken in den Handschuh graben.

»Steht dir«, rufe ich ihm grinsend zu, aber er ist zu sehr damit beschäftigt, dem Schnabel auszuweichen, um mir zu antworten.

»Erleuchtete«, drängt der Junge und zupft an meinem Umhang. »Bitte, ich brauche Eure Hilfe.«

»Du brauchst nicht vor mir zu knien«, sage ich und ziehe ihn am Ellbogen hoch, bis er mir ins Gesicht sehen kann, ohne sich den Hals zu verrenken. »Sag mir einfach, was ich tun soll.«

»Meine Schwester«, stößt er hervor und zeigt auf die Braut. »Unsere Mutter hat gesagt, dass sie jetzt bei ihm wohnen wird.«

Ich warte, weil ich damit rechne, dass der schlimme Teil noch kommt, aber der Junge sieht mich lediglich stumm an.

»Und du möchtest, dass sie bei euch bleibt?«

Mit dem Schuh zieht er eine Linie zwischen zwei Pflastersteinen.

»Ich will wissen, ob sie glücklich wird.«

Das ist alles? Na, da helfe ich doch gerne.

Theatralisch schließe ich die Augen und lege die Fingerspitzen an meine Schläfen. Irgendetwas muss man schließlich tun, damit die Leute erkennen, dass man gerade in die Zukunft schaut. Natürlich bleibt es hinter meinen Lidern dunkel. Fähigkeiten sind bei der Charakterwahl nicht inbegriffen. Die muss man sich entweder verdienen oder man macht es wie ich und improvisiert.

»Deine Schwester wird sehr glücklich sein«, verkünde ich, öffne die Augen und setze mein zuversichtlichstes Lächeln auf.

»Wirklich?«

Die Erleichterung in seiner Stimme lässt mich hoffen, dass ich keinen allzu großen Unsinn erzählt habe.

Ich blicke zur Hochzeitsgesellschaft hinüber, wo der Bräutigam gerade vor seiner Braut in die Hocke geht und am Riemen ihrer Sandale herumfriemelt. Offenbar bin ich nicht die Einzige, die mit dem hiesigen Schuhwerk so ihre Probleme hat.

»Sieh ihn dir an. Er kümmert sich um sie.« Aufmunternd tätschle ich seine Schulter.

»Auch wenn sie alt ist?«

»Ganz besonders, wenn sie alt ist.«

Sein Gesicht hellt sich auf. Hastig verbeugt er sich, murmelt einen Dank und flitzt zurück zur Hochzeitsgesellschaft.

Ich sehe ihm nach, bis sein dunkler Schopf in der Menge verschwindet.

Als ich mich wieder zu Nico umdrehe, fixieren mich gleich drei Augenpaare. Elena und Noam müssen aus der Sänfte gestiegen sein, als ich meine Weissagung vollbracht habe. Sie lümmeln bei der Steinlöwin und sehen aus, als hätten sie für diese Vorstellung Eintritt bezahlt. Nicos Falke hat sich inzwischen beruhigt, sitzt reglos auf dem Handschuh und schaut gelangweilt in die Ferne.

Der Anblick von Noams dunkelblauer Tunika mit den goldenen Borten lässt mein Herz einen kleinen Hüpfer machen. Das letzte Mal, als er die trug, hat er mich vor dem versammelten Hofstaat geküsst.

Seine grünen Augen funkeln belustigt.

»Was?«, frage ich.

»Nichts.« Beiläufig legt er den Arm um die Hüfte seiner Fürstin. »Ich bin nur beeindruckt, wie schamlos du lügen kannst.«

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