Für alle, die Dark Romantasy, psychologische Thriller, dystopische Härte und ein drastisches Survival-Setting mögen.
Nova Raines, wegen Totschlags inhaftiert, kämpft im Gefängnis ums Überleben. Nach einer brutalen Attacke nimmt sie an einem experimentellen Resozialisierungsprogramm „Second Chance“ der Firma Syntera Realms teil. Hundert Kriminelle in einer virtuellen Welt voller Gewalt und psychologischer Abgründe. Und mittendrin der Bruder der Toten, den sie niemals wiederzusehen glaubte.
Ein metallisches Klacken lässt mich aus dem Schlaf hochschießen. Augenblicklich bin ich hellwach.
»Bitte nicht«, flehe ich stumm und presse die Hände in die dünne Matratze meines Pritschenbetts. Ich kenne das Geräusch.
Der Riegel schnellt zurück und die Tür öffnet sich mit einem Quietschen. Jeder Muskel in meinem Körper spannt sich an.
Langsam lasse ich meine Hand unter mein Kissen gleiten, wo sich die Gabel befindet, die ich vor Wochen in der Kantine habe mitgehen lassen. Ich habe den Griff mit Stoff umwickelt, so lässt er sich besser fassen.
»Fünf Minuten«, höre ich die tiefe Stimme des Wärters, gefolgt von Schritten, die sich entfernen.
Anton.
Ich hasse ihn!
Noch bevor die Schatten durch die halbgeöffnete Tür gleiten, bewege ich mich. Ohne zu zögern oder überhaupt nachzudenken, schieße ich vom Bett hoch, stoße meinen Ellbogen nach hinten und treffe etwas Weiches.
Jemand stöhnt auf.
Volltreffer!
Doch ich ruhe mich nicht darauf aus. Die letzten sechs Monate habe ich nur deshalb überlebt, weil ich nicht abwarte, sondern handle.
Als ich den Arm hochreiße, saust eine Klinge auf mich zu, aber ich weiche aus und ramme der Angreiferin die Gabel in die Seite. Erschrocken schreit sie auf, da habe ich mich bereits gedreht und trete mit dem Bein nach der Zweiten. Ich treffe sie in die Rippen, doch sie weicht nicht zurück.
Panik explodiert in mir. Wieso steht sie noch? Ich habe meine ganze Kraft in diesen Tritt gelegt.
Ohne sie aus den Augen zu lassen, bewege ich mich rückwärts gegen den Wandtisch und taste nach dem schweren Hardcoverband von Ulysses. Gerade als sie auf mich zustürzt, bekomme ich ihn zu fassen und schlage ihn ihr mit voller Wucht über den Schädel. Ich bin nie weitergekommen als bis Seite dreihundertsiebzig und hatte schon bereut, meine letzten Arbeitsmarken dafür ausgegeben zu haben. Offenbar ist er doch noch zu etwas gut.
Der Schlag sitzt. Benommen taumelt sie zurück, doch Angreiferin eins ist bereits über mir.
Ich trete, kratze, schlage wie verrückt, meine Fingernägel reißen Haut auf, mein Fuß trifft ein Schienbein. Für einen Herzschlag glaube ich, dass ich es schaffe. Doch dann drückt mich das Gewicht einer der Angreiferinnen brutal zu Boden. Ihr Knie bohrt sich in meine Brust und presst mir den Atem ab.
Ein brennender Schmerz zieht sich durch meine Seite, als ihre Klinge sich in mein Fleisch bohrt. Ich schreie, will sie abstoßen, doch ihr Griff ist gnadenlos.
»Vielleicht solltest du dir vorher überlegen, mit wessen Familie du dich anlegst.«
Erneut sticht sie zu und ich spüre etwas Nasses meinen Rücken hinunterlaufen. Das war’s, das überlebe ich nicht. Und doch klammere ich mich an den Gedanken, dass ich nur noch Minuten überstehen muss.
Nur noch ein paar Minuten durchhalten, ohne dass sie ein überlebenswichtiges Organ trifft. Abwehren kann ich sie nicht, aber ich kann dafür sorgen, dass sie Zeit verliert. Egal, was für ein Arschloch Anton ist, er muss mich in die Krankenstation bringen, wenn er mich so findet. Also rolle ich mich zusammen und versuche, Niere und Leber zu schützen. Ein erneuter brennender Schmerz in meinem Oberschenkel, doch ich zucke nicht zurück. Oberschenkel ist in Ordnung. Solange sie die Arterie nicht trifft, tötet mich das nicht. Soll sie meinetwegen in die Muskeln stechen, bis sie müde wird.
Jemand lacht hämisch und beschimpft mich als Schlampe. Das muss Angreiferin zwei sein, der ich mit dem Buch eins übergezogen habe.
»Zerkratz ihr das verdammte Gesicht«, zischt sie.
Im nächsten Moment trifft mich etwas Hartes am Kopf und alles wird schwarz.
Der Geruch von Desinfektionsmittel brennt in meiner Nase und Stimmen murmeln im Hintergrund. Ich liege auf der Krankenstation. Schon wieder.
Seltsam, dieses Mal dachte ich wirklich, es ist vorbei.
Die Schwester beugt sich über mich und seufzt schwer. Sie heißt Marlis oder Maren, ich bin mir nicht mehr sicher, doch sie hat ein gutes Herz. Es verschafft ihr keine Genugtuung, die Gefangenen zu schikanieren, so wie viele der Wärter.
»Zum dritten Mal in drei Monaten.« Sie schüttelt den Kopf. »Irgendwann wirst du es nicht mehr hierher schaffen.«
»Ich mache das nicht mit Absicht«, krächze ich.
»Wen hast du verärgert?« Ihre dunklen Augen mustern mich prüfend.
»Jemand Einflussreiches.«
Hustend versuche ich mich aufzurichten, doch sie drückt mich sanft zurück ins Kissen.
»Sie haben dein Gesicht aufgeschlitzt. Ich habe versucht, es so gut wie möglich zu nähen, aber es wird eine Narbe bleiben.«
Vorsichtig fahre ich mit der Hand über meine Wange. Meine Fingerspitzen streifen eine frische Naht und eine Schwellung. Die Verletzung reicht vom Kinn bis über die rechte Augenbraue.
»Mein Gesicht ist mir egal.«
Wenn ich nicht mehr dieses sanfte Porzellangesicht habe, verspüren sie vielleicht nicht mehr den Drang, es zu zerstören. Sanfte Gesichtszüge und ein zierlicher Körper mögen in der Freiheit von Vorteil sein, aber im Knast wird man damit zur Zielscheibe.
»Eines Tages wirst du wieder draußen sein.« Ihre Stimme klingt brüchig, was mich verwirrt. Wieso kümmert es sie, ob ich schön bin oder nicht? Es interessiert mich ja selbst nicht. Seit dieser Sache Anfang letzten Jahres hasse ich mein Spiegelbild. Dieses Gesicht hat mich überhaupt erst in diese Situation gebracht. Jedes Mal, wenn ich es sehe, scheint es mich zu verhöhnen.
Ein bitteres Lachen entweicht mir, gefolgt von einem Stöhnen. »Glaub mir, ich werde nicht so schnell wieder draußen sein.«
»Vier Jahre sind nicht die Welt, bei guter Führung kommst du in drei raus.«
»Das meinte ich nicht.«
Mit einem Seufzen drehe ich mich zur Wand.
Wenn man eine Mori auf dem Gewissen hat, überlebt man nicht lange genug, um die Strafe abzusitzen. Es ist mehr Glück als Verstand, dass ich überhaupt noch atme. Um ehrlich zu sein, habe ich mich längst damit abgefunden, dass ich diesen Ort nicht lebend verlassen werde, doch das bedeutet nicht, dass ich es ihnen leicht mache.
»Nova«, sagt sie so sanft, als spräche sie mit einem verletzten Tier. »Dieses Mal war’s wirklich schlimm. Wir mussten dich fast zwei Stunden lang stabilisieren. Hätten sie nur ein paar Zentimeter tiefer gestochen, wärst du jetzt tot. Wenn du Hilfe brauchst, kann ich jemanden für dich anrufen oder dir die Kontaktdaten von einem anderen Anwalt besorgen.«
»Du kannst mir nicht helfen.«
Ich wünschte, sie würde mich endlich in Ruhe lassen. Auch wenn sie es nur gut meint, hilft mir ihr Mitleid nicht. Im Gegenteil, es lässt einen dummen Teil in mir glauben, dass es noch Hoffnung gibt, und das will ich nicht.
»Wer war es? Vielleicht kann ich dafür sorgen, dass sie versetzt werden.«
Langsam wende ich ihr das Gesicht zu. »Dann werden andere kommen.«
»Gibt es denn niemanden, der … Familie, die …« Sie bricht ab. Vermutlich erinnert sie sich daran, dass ich keine Familie habe. Zumindest keine, die in der Lage wäre, mir beizustehen. Mein Vater hat sich erschossen, als ich zwei Jahre alt war, und meine Mutter ist schwer drogenabhängig, seit ich denken kann. Jedes Mal, wenn sie bewusstlos auf dem Sofa lag, habe ich gebetet, dass sie wieder aufwacht. Mit siebzehn bin ich abgehauen und seither habe ich sie nie wieder gesehen. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt.
»Das hast du nicht verdient. Ich kenne deine Akte. Dieses Mädchen hat dich über Jahre hinweg gequält. Du hast sie nicht absichtlich getötet.«
»Doch, das habe ich.« Ich fixiere ihre Augen, bis sie verunsichert blinzelt. »Ich habe sie diese Treppe hinuntergestoßen und ich wusste, was passieren wird. Es war keine Selbstverteidigung und keine Kurzschlussreaktion. Ich wollte, dass sie stirbt.«
Ihre Augen weiten sich.
Eins.
Zwei.
Drei.
Noch immer hält sie meinem Blick stand.
Vier.
Fünf.
Sie senkt den Kopf und wendet sich ab.
Fünf Sekunden hat es gedauert, bis sie ihre Meinung über mich geändert hat. Noch schneller, als ich erwartet habe. Aber das ist in Ordnung. Sie sollte sich nicht von meinen großen Augen und dem geschundenen Körper täuschen lassen. Ich bin weder unschuldig noch muss ich beschützt werden. Ich bin aus einem guten Grund hier.
Sie wendet sich ab und lässt mich alleine zurück. Gut. Ich brauche niemanden, der mich ansieht, als wäre ich noch zu retten.
Mit geschlossenen Augen zähle ich meinen Herzschlag und versuche, den Schmerz in meinem Körper zu ordnen, bis Schritte den Raum entlanghallen. Instinktiv spanne ich die Schultern an.
»Es gibt da vielleicht noch eine weitere Möglichkeit.« Marlis oder Maren ist zurückgekommen und hält ein Blatt Papier in der Hand. »Es ist ein experimentelles Resozialisierungsprogramm und eigentlich nichts, was ich Gefangenen in deiner Lage anbieten sollte, aber vielleicht …« Sie zögert. »Sie suchen hundert Probanden, die bereit sind, sich auf ein neuartiges, virtuelles Therapiemodell einzulassen. Sagt dir die Firma Syntera Realms etwas?«
»Die Firma, die diese virtuellen Ausflüge anbietet?«
»Ja, sie arbeiten seit Jahren an einem Programm für die Rehabilitation von Schwerverbrechern.« Ihre Finger schließen sich fester um das Blatt Papier. »Aber der Ansatz soll sehr unkonventionell sein.«
»Ein virtuelles Gefängnis?«
»Therapieprogramm«, korrigiert sie mich. »Offiziell läuft es unter dem Namen ‚Second Chance‘. Angeblich waren einige der besten Psychologen, Neurowissenschaftler und Verhaltensforscher an der Ausarbeitung beteiligt.«
Unruhig rutsche ich etwas höher, lasse es aber, als ein heißer Schmerz meine Rippen hinaufschießt.
»Wäre ich da sicher?«
»Die Einrichtung liegt unter Ausschluss der Öffentlichkeit, es ist eine unabhängige Institution. Es wäre schwer, an dich heranzukommen.« Sie macht eine kurze Pause, als wolle sie mir Zeit geben, das zu begreifen. »Eigentlich ist die Bewerbungsfrist abgelaufen, aber sie wurde verlängert, weil mehrere Teilnehmer zurückgetreten sind. Das Programm startet bereits nächste Woche. Falls sie dich annehmen, würdest du noch vor Ablauf der Woche dorthin verlegt werden.« Ihr Gesicht verdunkelt sich. »Doch du wärst in dieser Simulation gemeinsam mit neunundneunzig Schwerverbrechern. Sie haben gezielt nach Probanden aus unterschiedlichen Haftanstalten gesucht, unabhängig von Geschlecht und Schwere des Verbrechens. Zudem ist sehr wenig darüber bekannt, wie diese Resozialisierung abläuft. Ich finde es seltsam, dass ...« Sie nagt an ihrer Unterlippe. »Ich meine, es ist einfach alles sehr undurchsichtig. Es scheint mir moralisch fragwürdig, Menschen mit dieser Art von Vorstrafen zusammenzulegen. Um ehrlich zu sein, frage ich mich, ob ihr ... ob sie mit euch …« Erneut unterbricht sie sich, aber ich weiß auch so, was sie sagen will. Sie fürchtet, dass wir als Versuchsmaterial herhalten sollen, womit sie vermutlich recht hat. Wozu sonst sollte man den Abschaum der Gesellschaft rekrutieren? Es spricht für sie, dass das ihren Wertvorstellungen widerspricht. Sie ist einer dieser Menschen, die an das Gute im Menschen glauben und immer versuchen, moralisch integer zu bleiben. Meine Maßstäbe sind bei Weitem nicht so idealistisch. Solange ich hier rauskomme, ist mir vollkommen egal, wer dabei welche Hintergedanken hatte.
»Das Programm wird vom Justizministerium finanziert«, fährt sie fort und reicht mir das Blatt. »Es heißt, dass es in einigen Jahren auch für Zivilpersonen zugänglich sein soll. Wir haben nur diese Infoblätter bekommen und die Haftanstalten sind per staatlicher Anordnung verpflichtet, angenommene Insassen an die Institution zu überstellen.«
Ich überfliege die Zeilen. Im Grunde steht da nicht viel mehr als das, was sie mir bereits gesagt hat. Dass es ein Pilotprojekt ist, dessen Ablauf, Inhalte und Entscheidungen vollständig durch das Programm selbst gesteuert werden, dazu eine Nummer zur Anmeldung und eine Liste von Haftkategorien, für die es offensteht. Ein Hinweis besagt, dass das Programm bis in die tiefsten Schichten der menschlichen Psyche vordringt und dass alle Teilnehmer eine umfassende Verschwiegenheitserklärung unterschreiben müssen.
»Vielleicht war es eine dumme Idee, dir das vorzuschlagen.« Ihr Arm hebt sich, als wollte sie mir das Blatt wieder entreißen.
»Ich tu es«, sage ich, ohne zu zögern.
Sie zuckt zusammen.
»Wenn du Bedenkzeit brauchst …«
»Brauche ich nicht.«
Jeden Abend warte ich darauf, dass die Tür sich öffnet und meine Zelle zu meinem Grab wird. Was könnte mir dort drinnen Schlimmeres passieren? Vor einem experimentellen Programm fürchte ich mich nicht. Im Gegenteil, die Aussicht darauf fühlt sich befreiend an.
Mit dem Fuß tippt sie unruhig auf dem Linoleumboden. Es würde mich nicht wundern, wenn sie sich weigert, den Antrag abzuschicken. Doch sie schluckt nur und nickt.
»In Ordnung. Dann kümmere ich mich um die Anmeldung und die Überstellungspapiere.« Ohne mir noch einmal in die Augen zu sehen, verlässt sie den Raum.