Für alle, die Antiheldinnen, historische Kulissen und hitzige Wortgefechte mögen.
Aus Geldnot begleitet Camilla den unausstehlichen Gabriel Montclair zur Hochzeit seines Bruders in ein virtuelles Traumschloss. Was als einfacher Begleitjob gedacht ist, entpuppt sich als soziales und emotionales Minenfeld, in dem sie sich nicht nur mit dem Hofleben des französischen Hochadels auseinandersetzen muss, sondern auch mit ihrer Vergangenheit und dem Tod ihres Bruders. Während sich Camilla und Gabriel trotz ständiger Sticheleien näherkommen, verfolgt dieser längst seine eigenen Pläne.
»Wenn dieser aufgeblasene Typ noch einmal sagt, dass unsere Rosenwand nicht rosa genug ist, werde ich diesen Blütenhaufen nehmen und ihm in seine gebleachte Zahnreihe stopfen«, verkünde ich inbrünstig.
»Cam!«, zischt Liv, »du hast versprochen, du hältst dich zurück. Du weißt genau, wie wichtig dieser Auftrag für mich ist und ich habe dir gesagt, dass das Brautpaar etwas speziell ist.«
»Speziell trifft es nicht einmal ansatzweise«, murmele ich, während ich mit zusammengepressten Zähnen eine Blüte zurechtrücke. »Ich muss dich wirklich sehr lieben, dass ich mir das hier freiwillig antue.«
»Denk an das Geld«, erinnert sie mich mit einem schiefen Lächeln. »Du brauchst es.«
Und ja, sie hat leider recht. Seit ich meinen Job im Grafikbüro verloren habe, hänge ich in einem Dauerloch fest. Nur leider interessiert es weder meinen Vermieter noch meinen Stromanbieter, dass ich offiziell »arbeitsmarktlich frei verfügbar« bin, und so stapeln sich die Rechnungen schneller, als ich sie öffnen kann. Mit dreiundzwanzig von der Hand in den Mund zu leben, stand definitiv nicht auf meinem Lebensplan.
»Das könnte hier noch etwas opulenter werden«, ertönt eine selbstzufriedene Männerstimme hinter uns.
Liv wirft mir einen warnenden Blick zu, aber das braucht sie nicht, denn ich habe mich vollkommen unter Kontrolle.
»Sagt wer?«, platze ich heraus und wirble herum, nur um nicht, wie erwartet, in die schneeweiße Zahnreihe des Hochzeitsplaners zu blicken, sondern in die eisblauen Augen von Mr. Bruderarsch höchstpersönlich.
Oh, bitte nicht schon wieder. Seit wir hier angetuckelt sind mit unserem Van voller Blumenkisten und Tonnen an Steckschwämmen, Drahtrollen und Rosenköpfen, hat er es sich zur persönlichen Mission gemacht, uns das Leben schwer zu machen. Und zwar nicht wie dieser überperfektionistische Hochzeitsplaner durch seinen zwanghaften Fetisch zu Farbtönen, sondern einfach nur, weil er es witzig findet, uns zur Weißglut zu treiben. Ich weiß wirklich nicht, wie Liv das jeden Tag macht. An ihrer Stelle hätte ich ihn längst mit Blumendraht gefesselt und im Kühlraum vergessen.
»Oh. Oh. So aufgebracht. Vielleicht solltest du eine Pause machen, du scheinst mir reichlich gestresst«, bemerkt Bruderarsch und legt seinen Kopf schief. Dabei zeichnet die Sonne scharfe Schatten auf seine Wangenknochen.
Wieso sind die schönsten Männer immer die größten Arschlöcher? Vermutlich werden sie einfach zu selten zurechtgestutzt. Wie ein vernachlässigter Rosenstock. Sieht von außen makellos aus, ist aber innerlich komplett verholzt. Und alles nur, weil keiner den Mut hatte, mal richtig Hand anzulegen.
Okay, stopp, fragwürdige Analogie. Ich werde nicht darüber nachdenken, wer bei ihm schon Hand angelegt hat.
»Hast du keine Trauzeugen-Rede vorzubereiten oder so was?«, frage ich genervt, woraufhin sein Mundwinkel zuckt, so wie jedes Mal, wenn es ihm in den letzten zwei Stunden gelungen ist, mich auf die Palme zu bringen. Offenbar hat er eine sadistische Ader.
Glücklicherweise winkt ihn Captain Colgate zu sich, um über die Sitzordnung zu diskutieren, und er bewegt seinen zwar sehr ansehnlichen, aber auch unfassbar nervtötenden Hintern endlich wieder aus unserem Blickfeld.
»Ist das nicht eigentlich genau dein Typ?«, neckt mich Liv.
»Aufgeblasen und selbstgefällig?«
Sie grinst. »Ich meinte: selbstbewusst, braungebrannt und ein Wahnsinnskörper. Dieser Typ im Beachclub, auf den du letztes Jahr so abgefahren bist, sah fast genauso aus.«
Skeptisch hebe ich eine Augenbraue. »Meinst du den Typen, der mir unbedingt sein riesiges Surfbrett zeigen wollte?«
»Wenn ich mich recht daran erinnere, wolltest du dir dieses Surfbrett sehr genau ansehen.« Mit einem Glucksen greift sie in den Eimer mit Rosen und steckt eine in die Wand.
»Ja, weil ich nicht wusste, dass er keine Ahnung hat, wie man damit umgeht.«
»Hat dich nicht davon abgehalten, ihn wieder zu treffen.«
»Tja«, sage ich und seufze. »Letztes Jahr war ich offensichtlich unzurechnungsfähig.«
Ein dumpfer Gong ertönt, gefolgt von einem …
»Ist das eine Posaune?«
»Eine Trompete.«
Langsam kommt Bewegung in die Reihen. Captain Colgate fuchtelt mit seinem goldenen Klemmbrett herum, ein paar Assistentinnen in Schwarz hasten über die Terrasse und weiter hinten schiebt jemand eine Reihe Stühle millimetergenau auf eine unsichtbare Linie.
»Oh, es geht los«, sagt Liv ehrfürchtig. »Generalprobe.«
»Wenn man für eine simple Verlobungsparty eine Generalprobe braucht, weiß man, dass man den Bezug zur Realität verloren hat.«
»Andere Kreise, Cam. Die proben alles durch. Was glaubst du, wieso die mir für diesen Auftrag bereits vor Monaten den Vertrag geschickt haben?«
»Vielleicht, damit du genügend Zeit hast, um 500 Rosen in exakt demselben Farbton zu organisieren?«
»Das auch«, sagt sie grinsend. »Aber da wird nichts dem Zufall überlassen. Jede Bewegung, jede Rede wird bis ins kleinste Detail geplant.«
»Na, da bin ich doch mal auf den Auftritt von Bruderarsch gespannt.«
»Bruderarsch?«
»Ich kann ihn auch General Gockel nennen, wenn du willst.«
»Wie wär’s mit Prinz Protz?«
Wir prusten los wie zwei Teenager im Unterricht. Captain Colgate wirft uns einen vernichtenden Blick zu und, während Liv die Lippen zusammenpresst und die Schultern strafft, zwinkere ich ihm zu.
Zugegeben: So sehr ich über das »rosa Märchen«-Motto die Augen verdrehe, muss ich eingestehen, dass die Location wirklich was hermacht. Diese weitläufige Terrasse mit den kunstvoll geschnittenen Buchsbäumen, der kleine See, der im Abendlicht glitzert, dazu die eleganten Pavillons am Rand – ja, das hat Klasse. Würde nur nicht alles aussehen, als hätte Barbie persönlich das Farbschema durchgeboxt.
»Wieso haben die Leute mit der meisten Kohle nur immer den schlechtesten Geschmack?«
»Vermutlich, weil ihnen keiner widerspricht«, antwortet Liv achselzuckend.
Ein silberner Aston-Martin-irgendwas-britisch-Teures biegt quietschend in die Einfahrt. Anscheinend bequemt sich das zukünftige Brautpaar doch noch zu seiner eigenen Generalprobe.
Das Auto kommt zum Stehen, Türen klappen auf und hinaus schwebt eine Blondine im wallenden Designerkleid und ein Mann mit perfekter Jawline. Ja, die Familienzugehörigkeit ist unübersehbar. Die gleichen breiten Schultern, das gleiche dunkle Haar und die gleichen markanten Gesichtszüge, bei denen selbst Henry Cavill vor Neid erblassen würde. Nur dass dieses Exemplar hier nicht dieses nervtötende Funkeln im Blick trägt, sondern ruhige, warme Augen hat. Als sein Blick kurz in unsere Richtung schwenkt, schenkt er uns sogar ein verlegenes Lächeln. Das scheint wohl der nettere der Montclair-Brüder zu sein. Kein Wunder, dass der hier schneller unter die Haube kommt.
Gemeinsam schreiten sie über den rosafarbenen Teppich, vorbei an Stuhlreihen und Blumensäulen, bis vor die Bühne.
»Mach den Mund zu«, flüstert Liv belustigt.
»Ich atme nur«, verteidige ich mich.
Das Paar kommt zum Stehen, woraufhin Captain Colgate zu ihnen eilt und ein paar Instruktionen bellt. Jemand zerrt hektisch am Vorhang, zwei Assistenten rennen mit Walkie-Talkies durcheinander und ein Techniker stolpert mit einem Mikrofonständer über den Teppich, gefolgt von einem Pianoakkord, der garantiert nicht geplant war. Alle führen sich auf, als stünde die Oscarverleihung bevor, dabei ist noch kein Schwein da. Die Gäste kommen erst in 45 Minuten, wenn wir längst wieder mit unserem Van vom Hof gerollt sind.
»Die Rosenwand braucht mehr Rosa«, schallt es von Colgate herüber, woraufhin Liv eilig die Leiter heranzerrt und nach einem weiteren Arm voll Blüten greift.
Ich werfe ihm einen bitterbösen Blick zu, von dem er leider nichts mitbekommt, weil er damit beschäftigt ist, das zukünftige Brautpaar in Stellung zu scheuchen. Dafür treffen mich Bruderarschs eisblaue Augen. Vielsagend zieht er eine Braue hoch und ich zeige ihm den Mittelfinger.