Buchcover: Der Traummann, den ich nicht behalten darf

Der Traummann, den ich nicht behalten darf

  • Velvet Line
  • 5 Kapitel
  • Erscheint: Noch in Bearbeitung

Für alle, die ein glamouröses Setting, verbotene Anziehung und smarte Protagonistinnen lieben.

Worum es geht

Als Tochter des Chefs kennt Reyna die virtuellen Welten der Firma Syntera Realms in und auswendig. Zusammen mit ihren Freundinnen nimmt sie am Betatest der brandneuen Emerald Nights Simulation teil, die mit einer neuartigen Technik aufwartet. Zum ersten Mal handeln die Bewohner eigenständig. Auf dem Plan stehen Drinks, Spiele, Glamour und ein bisschen Ablenkung vom echten Leben. Doch als der „Romance Mode“ ihrer Freundin den perfekten Traummann zuteilt, ist für Reyna alles andere als Entspannung angesagt.

Leseprobe

Kapitel 1

Blablabla, jede erdenkliche Traumwelt, für jeden erschwinglich. Blablabla, erleben Sie Abenteuer, Romantik, Freiheit. Ich kenne das alles schon. Gelangweilt lasse ich meinen Blick durch den großen Saal schweifen.

Katja neben mir sieht aus wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum, so groß sind ihre Augen. Wären meine vielleicht auch, wenn ich mir dieses Gesülze nicht die letzten drei Monate in Dauerschleife hätte anhören dürfen.

Gestern erst wurde das neue Emerald-Nights-Casino-Szenario der Öffentlichkeit vorgestellt, laut meinem Vater die Krönung jahrelanger Entwicklung.

Meine drei besten Freundinnen und ich haben die zweifelhafte Ehre, das neue Szenario heute als Betatesterinnen ausprobieren zu dürfen. Genau genommen wird uns diese Ehre vor jedem Release zuteil. So haben wir uns überhaupt erst kennengelernt. Auch wenn mein Vater das natürlich nie so sagen würde, entsprechen wir dem perfekten Pressebild. Sora mit ihrem asiatischen Hintergrund, Katja, die nordische Blondine, Malika mit ihrem warmen, kaffeebraunen Teint und ich selbst mit meinem wilden, rötlichbraunen Haar und den grünen Augen. Wir sind geradezu eine Reklametafel für Vielfalt. Durch die vielen Testszenarien in den letzten Jahren sind wir so eng zusammengewachsen, dass wir mittlerweile auch privat unzertrennlich sind.

Natürlich geht das immer mit einer endlosen Präsentation einher und so darf ich mir nun zusammen mit Pressevertretern, Investoren sowie meinen Freundinnen seit gut einer Stunde anhören, warum dieses Szenario das bahnbrechendste seit der Gründung von Syntera Realms sein soll.

»Die wahren Protagonisten sind die KIs selbst«, sagt der Sprecher gerade. »Während die Charaktere bisher zwar mit einer Persönlichkeit und einem Hintergrund ausgestattet waren, waren sie im Kern doch eindimensional. Sie lebten nur, wenn die Spieler anwesend waren. Jede ihrer Erinnerungen und Erfahrungen wurde nach dem Ende der Simulation zurückgesetzt, wodurch sie nie gezwungen waren, sich zu hinterfragen, zu lernen oder sich anzupassen. Mit Emerald Nights haben wir diese Grenze durchbrochen. Seit dem Start des Versuchslaufs vor genau sieben Jahren leben die Charaktere in Emerald Nights ein eigenes, für sie echtes Leben.«

Oh, das wusste ich nicht. Vielleicht sollte ich doch ein kleines bisschen besser aufpassen.

»Sie haben Erinnerungen, Bindungen und Erfahrungen gemacht, Traumata durchlebt und eigene Abgründe entwickelt. Während wir hier reden, machen sie Fehler und treffen Entscheidungen. Sie entwickeln eigene Dynamiken und Beziehungen, völlig unabhängig davon, ob wir das Szenario nutzen oder nicht. Nicht einmal wir selbst sind in der Lage zu sagen, wie sie sich entwickelt haben.«

Hinter ihm auf dem Projektor leuchtet ein Casino-Panorama auf. Goldene Lichterketten funkeln über einem endlosen Spieltisch, während im Hintergrund eine Skyline aus hell beleuchteten Türmen flimmert.

»Das ist für uns alle eine neue Art der Immersion«, fährt er fort. »Eine Symbiose zwischen Mensch und KI, die sich anfühlt wie das Leben selbst. Bereits im nächsten Quartal planen wir den offiziellen Marktstart und machen das Szenario für die breite Öffentlichkeit zugänglich.«

Ein anerkennendes Raunen geht durch den Saal. Neben mir stößt Katja Malika mit dem Ellenbogen an.

»Hast du das gehört?«, flüstert sie. »Die entwickeln eigenständige Beziehungen!«

Schon klar, dass sie davon begeistert ist. Sie kann es kaum erwarten, mit den neuen Charakteren anzubandeln. So ist sie immer. Bei jedem einzelnen Betatest wählt sie den Romance Mode und stürzt sich kopfüber in die Beziehung. Während Sora seit sieben Jahren mit ihrem Sandkastenfreund zusammen ist und Malika gerade frisch verliebt ist, sind Katja und ich die Dauer-Singles in unserer Clique. Wir stolpern von Flirt zu Flirt und landen selten länger als ein paar Wochen bei demselben Typen. Nur dass ich, im Gegensatz zu ihr, ziemlich gut damit leben kann.

Meiner Ansicht nach ist der Romance Mode nichts anderes als Prostitution. Wer will denn einen Typen, der programmiert ist, dir Komplimente zu machen, obwohl er gar nichts empfindet? Doch sie ist derart versessen darauf, endlich den Richtigen zu finden, dass sie jede sich anbahnende Beziehung mit echten Männern durch ihre Ungeduld im Keim erstickt. Dabei ist sie wunderschön mit ihrem kinnlangen blonden Haar und den strahlend blauen Augen. Würde sie sich nicht ständig selber im Weg stehen, hätte sie längst einen Freund.

Kichernd beugt Malika sich zu ihr rüber und raunt: »Stell dir vor, du gehst extra in eine Nachtclub-Simulation und dann weigert sich der Kellner, dir einen Cocktail zu bringen, weil er findet, du hattest genug.«

Sowohl Katja als auch Sora glucksen.

Dieser Typ mit der roten Designerbrille von der Times Online meldet sich, ich glaube, er hieß Martens oder Martensen. Papa hasst ihn, weil er immer derart penetrant nachbohrt. Jede seiner Fragen ist mehr Angriff als Neugierde. Nichtsdestotrotz ist er das Unterhaltsamste am ganzen Abend.

»Ist es nicht gefährlich, wenn sich Figuren derart verselbstständigen? Das ist doch geradezu prädestiniert dafür, dass sich Spieler in sie verlieben.«

Ungerührt blickt der Sprecher zu ihm hinüber. »Das ist sogar gewollt. Wir haben Szenarien, die extra auf romantische Dynamiken ausgelegt sind. Stellen Sie sich vor, wie viele einsame Menschen es auf dieser Welt gibt, wie viele keinen Partner finden, die sich nach Nähe sehnen. Wie viele nie jemanden kennenlernen, der sie wirklich versteht. Bald wird niemand mehr allein sein müssen.«

Katja neben mir nickt zustimmend.

»Verstoßen Sie damit nicht gegen ethische Richtlinien? Es sind noch immer Programme und keine echten Partner. Wer kann voraussagen, wohin so etwas führt?«

»Es gibt klare Sicherheitsprotokolle. Niemand wird abgelehnt aufgrund seines Alters oder der Hautfarbe. Es gibt keine Diskriminierung, keine Ausgrenzung und keine Benachteiligung.«

»Ist das wirklich so? Wenn die Bewohner, wie Sie sagen, selber Entscheidungen treffen, werden sie dann nicht Vorlieben entwickeln? Was unterscheidet sie noch von einer echten Person?«

»Nichts«, erwidert der Mann mit einem kühlen Lächeln. »Sie unterscheiden sich nicht mehr von einem echten Menschen. Im Grunde können Sie es sich vorstellen wie eine normale Beziehung mit etwas mehr Toleranz und weniger Vorurteilen. Oder wollen Sie behaupten, dass das ein Nachteil ist?«

Ah, die klassische Umkehrfrage. Deshalb ist er Papas Lieblingssprecher. Auch wenn er für meinen Geschmack viel zu aalglatt ist. Aber zumindest lässt er sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

»Wie gehen Sie vor, wenn Spieler Grenzen überschreiten?«, hakt Martens(en) unbeirrt nach. »Bisher waren die Figuren nur programmiert, aber wie ist es jetzt, mit echten Erinnerungen und Erfahrungen? Was ist mit Gewalt gegen die Bewohner? Wie verhindern Sie Missbrauch?«

Also das würde mich tatsächlich auch interessieren. Neugierig beuge ich mich etwas vor.

»Es gibt diesbezüglich strenge Filter. Wiederkehrende Handlungen, die gegen moralische oder gesetzliche Standards verstoßen, werden erkannt und unterbunden. Sollten hingegen Bewohner Tendenzen zu destruktivem Verhalten entwickeln, werden sie zurückgesetzt.« Er macht eine kurze Pause und hebt die Brauen. »Sollten Sie noch weitere Fragen zu Sicherheit oder Ethik haben, Herr Marten, beantworte ich diese gerne in einem persönlichen Gespräch im Anschluss.«

Ah, er heißt Marten.

Marten scheint erstmal zufriedengestellt zu sein, denn er lehnt sich zurück und klappt sein Notizbuch zu. Ich hingegen bin alles andere als überzeugt von dieser Standardantwort. Denn Marten hat vollkommen recht. Wenn die KIs ein eigenes Leben haben, wo ziehen wir dann die Grenze?

Noch ehe ich den Gedanken zu Ende bringen kann, hebt sich auch schon mein Arm.

»Ja, Frau Duvall?«

»Wenn die Bewohner ein echtes Bewusstsein haben, ist der Romance Mode dann nicht moralisch fragwürdig?« Katja neben mir schnauft empört und Malika unterdrückt ein Kichern.

Kurz zögert der Sprecher. Vielleicht überlegt er, wie er diese Frage beantworten soll, ohne die Tochter seines Chefs gegen sich aufzubringen.

»Das ist ein interessanter Punkt«, sagt er deutlich freundlicher, als er eben noch mit Marten diskutiert hat. »Jedoch ist der Romance Mode kein Zwang im eigentlichen Sinne. Es ist eher eine Art Impuls. Stellen Sie es sich vor wie bei einer Hypnose. Wenn der Impuls im Widerspruch zu ihrem eigenen Willen steht, ist die KI in der Lage, sich zu widersetzen.«

»Dann wäre es Ihrer Ansicht nach also richtig, einen Menschen mit Hypnose dazu zu bringen, sich in jemanden zu verlieben?«, hake ich nach, woraufhin er sich nervös über den Kragen streicht. Mein Vater wirft mir vom Ende des Raumes einen finsteren Blick zu.

»Entschuldigen Sie«, füge ich rasch hinzu. »Ich bin nur neugierig.«

»Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. Neugier ist der Motor unseres Fortschritts. Aber Sie können darauf vertrauen, dass unsere Entwickler genau wissen, wo die moralischen Grenzen liegen.«

Ich nicke, als hätte er mir damit alle meine Fragen beantwortet.

Er scheint erleichtert zu sein, denn er fährt damit fort, über die technischen Details der Synlink-Schnittstelle zu berichten.

Bald wird es losgehen und, obwohl ich schon in unzähligen Szenarien war, von Märchenschlössern bis zu Dschungelinseln, über postapokalyptische Ruinenstädte, überkommt mich ein Kribbeln der Vorfreude.

»Ich. Bin. Sowas. Von. Bereit«, haucht Katja und legt sich eine Hand aufs Herz.

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