Für alle, die eine Weihnachts-Romance mit Romcom-Energie und Banter suchen, aber nicht auf Tiefe verzichten möchten. Wer Sarkasmus, gemeinsames Heilen und ein Setting voller Schnee, Lichter und actionreicher Winterspiele liebt, bekommt hier ein echtes Komfortbuch.
Mein Freund hat mich betrogen und statt die Weihnachtsferien mit meiner Familie zu verbringen, stecke ich in einem virtuellen Winter Wonderland fest. Als Dorfärztin. In einem Kaff namens Pinevale, wo die Kekse nie kalt werden, hinter jeder Tür ein Weihnachtslied dudelt und ein hirnrissiges Schneeturnier den Tagesablauf bestimmt. Eigentlich wollte ich nur in Ruhe Liebeskummer haben. Stattdessen bekomme ich Mr. Blackwood, den Dorfschmied, der mir mit seiner schlechten Laune auf die Nerven geht. Schon verrückt, dass ich trotzdem nicht aufhören kann, an ihn zu denken. Je hartnäckiger er mich auf Abstand hält, desto mehr frage ich mich, ob sich hinter seiner mürrischen Fassade mehr verbirgt. Es könnte ein perfektes Weihnachtsmärchen sein, würde nicht auch noch mein Ex in der Simulation auftauchen, fest entschlossen, mich zurückzuerobern.
»Ja, weil du ein Arschloch bist!«, brülle ich.
In einer beschwichtigenden Geste hebt er die Hände. »Ich sagte doch bereits, das ist ein Missverständnis.«
Missverständnis. Na klar.
Schon damals habe ich geahnt, dass dieser Mann nur Ärger bedeutet. Wenn ein Typ so gut aussieht, geht das selten gut aus. Als er sagte, er sei »nicht der Beziehungstyp«, hätte ich einfach lachen, ihm zuprosten und mich aus dem Staub machen sollen. Stattdessen habe ich mir eingebildet, ich könnte ihn ändern. Weil ich offensichtlich bescheuert bin.
»Ein Missverständnis ist, wenn dir jemand eine Pizza Hawaii bestellt, weil du gesagt hast, du magst Ananas. Nicht, wenn du dich mit deiner Ex im Bett verirrst.«
Sein Mund öffnet sich, als wolle er protestieren, aber ich bin noch nicht fertig.
»Das mit uns ist so was von vorbei, Liam!« Meine Stimme hallt zwischen den Hausfassaden wider und ein paar Passanten drehen sich um. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber die Frau mit dem Kinderwagen bleibt sogar kurz stehen, um sich das Spektakel genauer anzusehen.
»Es ist nicht so, wie du denkst«, sagt er leise.
»Oh, entschuldige. Hast du nur zufällig keine Hose getragen?«
»Können wir das nicht irgendwo in Ruhe besprechen? Willst du mit hochkommen?«
Sein Blick huscht zu den umstehenden Leuten. Klar, der Herr Unternehmensberater möchte ungern in der Öffentlichkeit als Idiot dastehen, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, sich mit seiner Ex zu vergnügen. Dabei wusste er genau, dass ich nach der Arbeit direkt zu ihm fahre. Vor wenigen Tagen erst hat er mir feierlich den Schlüssel zu seiner Wohnung überreicht. Dass Cecilia uns heute, am letzten Arbeitstag vor den Weihnachtsferien, früher nach Hause geschickt hat, damit die Reinigungsfirma mit der Grundreinigung beginnen kann, war pures Glück. Oder Pech, je nach Perspektive.
»Eher würde ich mich in einen Schneehaufen legen und erfrieren!«
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein älterer Mann ihm einen vielsagenden Blick zuwirft.
Ganz toll. Jetzt sind die Leute auch noch auf seiner Seite. Der arme Kerl, der von seiner hysterischen Freundin auf offener Straße zur Schnecke gemacht wird und in dieser Kälte nichts weiter trägt als ein dünnes T-Shirt und eine verknitterte Jeans. Weil er zu blöd war, sich vollständig anzuziehen, bevor er mir hinterhergerannt ist!
Meine Hände zittern vor Wut. Vielleicht ist es auch die Kälte, denn mittlerweile ist es später Nachmittag und wie immer war ich nicht vernünftig genug, um an Handschuhe zu denken. Andererseits konnte ich natürlich nicht ahnen, dass der Tag so endet.
»Bitte, Fey«, raunt er und seine Stimme ist nun weich und gefährlich sanft. Natürlich versucht er, diese zerzauste, schuldbewusste Version von sich gegen mich einzusetzen. Besonders in Kombination mit seinen haselnussbraunen Welpenaugen. Deshalb bin ich ihm damals auch so hoffnungslos verfallen.
Aber diesmal nicht. Nicht nach diesem Bild in meinem Kopf, das ich bestimmt nie wieder loswerde.
»Hier, den brauche ich nicht mehr.« Zornig knalle ich ihm seinen Wohnungsschlüssel vor die Füße, drehe mich um und stapfe den Gehweg hinunter. Der Schnee unter meinen Stiefeln knirscht dramatisch.
»Kann ich dich wenigstens nach Hause bringen?«, ruft er mir hinterher.
»Nein. Ich komme klar«, behaupte ich, obwohl mein Uber längst auf und davon ist.
Und natürlich laufe ich prompt in die falsche Richtung.
Als ich nach über fünfzig Minuten endlich in mein Viertel einbiege, bin ich halb erfroren, komplett genervt und bereit mich in meiner Wohnung zu vergraben, bis der Januar vorbei ist.
Immerhin ist mein Weg schön beleuchtet, denn das grelle Licht der gegenüberliegenden Leuchtreklame taucht die Straße in bunte Streifen.
»Buchen Sie jetzt Ihr Traum-Szenario«, verkündet das Schild in goldenen Lettern, flankiert von zwei Astronauten. Wahrscheinlich soll ich jetzt spontan Lust auf einen intergalaktischen Kurztrip bekommen. Ich verziehe das Gesicht.
Das Logo von Syntera Realms prangt mittlerweile überall. Auf Bushaltestellen, in Schaufenstern, sogar auf den Coffee-to-go-Bechern an der Ecke. Die Firma verspricht virtuelle Traumreisen in jede erdenkliche Realität. Seit Wochen versucht Liam mich dazu zu überreden. Erfolglos, wohlgemerkt. Denn ich verbringe meinen Urlaub lieber in der realen Welt, mit realen Menschen und nicht in einem künstlichen Märchenszenario. Besonders, wenn die Technik dahinter gerade mal seit einem halben Jahr auf dem Markt ist.
Wie aufs Stichwort wechselt das Werbedisplay auf ein Aktionsangebot: »Weihnachten im Königshof von Everbell jetzt zum halben Preis!«
Ein goldenes Märchenschloss füllt den Bildschirm, gefolgt von der Einblendung: »Leben wie eine Prinzessin, herrschen wie eine Königin oder kämpfen wie ein Ritter. Tanzen Sie auf dem königlichen Winterball und erleben Sie Ihr persönliches Wintermärchen.«
Kopfschüttelnd drehe ich mich von der Reklame weg, schließe die Tür auf und lasse sie hinter mir ins Schloss fallen. Wer will denn bitte seinen Weihnachtsurlaub in einer virtuellen Seifenoper verbringen?
Es dauert genau zwei Tage, bis ich Liam wiedersehe, und das, obwohl ich alle seine Anrufe und Nachrichten konsequent ignoriere.
Gerade komme ich von meinem kurzen Abstecher zum Bäcker zurück, da hockt er auf der obersten Stufe vor meiner Haustür, einen dampfenden Kaffeebecher in der Hand.
»Was machst du hier?«
»Ich warte auf dich.« Ein Lächeln umspielt seine Lippen.
Ein lächerlicher Impuls in mir will es erwidern, aber ich unterdrücke ihn.
»Kaffee?« Er hält mir den Becher entgegen.
»Nein, danke.«
Ich setze dazu an, an ihm vorbeizugehen, doch er steht auf und versperrt mir den Weg.
»Kannst du mich bitte durchlassen?«
»Ich wollte dir nur dein Weihnachtsgeschenk vorbeibringen.« Seelenruhig klopft er sich den Schnee von seinem teuren Wollmantel. »Keine Sorge, ich bin gleich wieder weg.«
»Ich will kein Geschenk von dir. Ich will überhaupt nichts mehr von dir.«
»Ich weiß«, sagt er zerknirscht. Jedoch lange nicht so zerknirscht, wie es angebracht wäre. Vermutlich geht er davon aus, dass ich früher oder später sowieso nachgebe, was ich aber nicht tun werde. »Das ist auch kein Geschenk im klassischen Sinn. Ich habe es schon vor Wochen gebucht und es kann nicht storniert werden. Es sind zwei Tickets, du kannst also jemanden mitnehmen oder allein gehen.«
»Bitte sag mir, dass das keiner dieser Syntera-Realms-Ausflüge ist.«
»Probier’s einfach aus. Vielleicht gefällt es dir. Alles ist bereits bezahlt. Es wäre schade, die Tickets verfallen zu lassen.« Seine braunen Augen mustern mich prüfend. Keine Ahnung, was er erwartet. Mitleid? Dankbarkeit? Ich weiß genau, dass das für ihn nur Peanuts sind.
»War ich nicht deutlich genug, als ich sagte, ich will meinen Urlaub nicht in einer virtuellen Märchen-Soap verbringen?«
»Du musst ja nicht die vollen drei Wochen bleiben.«
»Drei Wochen?«
»Das ist die Standardlaufzeit. In der Realität sind das nur zehn Tage und man kann jederzeit aussteigen.«
»Danke, kein Interesse. Du kannst sie gerne mit deiner Ex einlösen.« Erneut mache ich Anstalten, an ihm vorbeizugehen.
»Fey, bitte. Da läuft nichts.« Seufzend tritt er einen Schritt zur Seite. »Ohne dich werde ich da nicht hingehen. Ich werde spontan für einige Tage in die Berge fahren. Wenn du bereit bist, mir zuzuhören, ruf mich an.«
»Ich sagte doch, ich will deine dummen Tickets nicht!« Mit hochgezogenen Schultern stapfe ich an ihm vorbei, schließe die Wohnungstür auf und knalle die Tür so heftig hinter mir zu, dass der Rahmen vibriert.
Er kann sich seine großzügigen Gesten sonst wohin stecken.