Buchcover: Das Chaos, das ich nicht geplant habe

Das Chaos, das ich nicht geplant habe

  • Velvet Line
  • 5 Kapitel
  • Erscheint: Noch in Bearbeitung

Für alle, die clevere Romcoms, hitzige Wortgefechte und Chaos lieben.

Worum es geht

Menschen glauben, sie wollen Entspannung, aber was sie wirklich wollen, ist, sich lebendig fühlen. Zumindest sieht das die Narrative Designerin Valeria Kosta so. Um die sinkenden Buchungszahlen des virtuellen Karibik-Resorts Escapada zu retten, will sie gezielt Chaos in den Urlaub bringen. Leider ist der Leiter der Physik-Engine, Dorian Vance, da anderer Ansicht. Und so werden die zwei Streithähne von CEO Duvall kurzerhand zu einem dreiwöchigen Zwangsurlaub verdonnert, in dem sie das neue Protokoll ausgiebig testen und sich einigen sollen.

Leseprobe

Kapitel 1

»Niemand will in einem karibischen Resort von einem Tropensturm aus dem Liegestuhl gespült werden.«

Ich kann nicht fassen, dass dieser Mistkerl mir schon wieder dazwischenquatscht. Ehrlich, wäre nicht der halbe Vorstand anwesend, hätte ich Dorian Vance längst an seinem dämlichen, dunkelblauen Hemdkragen über den Konferenztisch gezogen.

»Wie bereits erwähnt«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »handelt es sich hierbei um eine kalkulierte Unberechenbarkeit und keine Naturkatastrophe. Die Leute halten diese dreiwöchige Perfektion nicht aus. Nach Tag fünf haben sie das Meeresrauschen und die Cocktails satt. Es fehlt das Unvorhersehbare.«

Ein abfälliges Schnauben antwortet mir, aber zumindest hält er für zwei Sekunden den Mund. Dafür meldet sich Jim Rutherford vom anderen Ende des Tisches zu Wort: »Wie kommen Sie auf diesen Ansatz, Frau Kosta?«

»Meine Mutter kommt aus St. Petersburg und dort gibt es einen Kultfilm, den jeder an Neujahr schaut. Er heißt Ironie des Schicksals. Da geht es darum, dass ein betrunkener Mann aus Versehen in den falschen Flieger steigt und in einer fremden Stadt in der falschen Wohnung landet. Durch diesen einen Fehler erlebt er das größte Abenteuer seines Lebens und findet am Ende die große Liebe.«

»Wir riskieren die Sicherheit unserer Gäste, weil Sie Ihren Lieblingsfilm nachstellen wollen?«, fragt Vance und stützt sich mit beiden Händen auf der polierten Tischplatte ab. Natürlich hat er die Ärmel hochgekrempelt, damit auch jeder im Raum seine durchtrainierten Unterarme bewundern kann.

»Das ist nicht mein Lieblingsfilm! Ich habe lediglich begründet, wie ich auf die Idee gekommen bin.«

Ein arrogantes Lächeln zupft an seinen Mundwinkeln. »Ihre romantische Ader ist rührend, aber wir sind keine Partnervermittlung.«

Dieser verdammte, selbstgerechte Idiot! Ich muss mir auf die Lippe beißen, um ihn nicht anzubrüllen.

»Wenn Sie eine bessere Idee haben, dann dürfen Sie sie gerne mit uns teilen«, erwidere ich giftig.

»Das habe ich tatsächlich. Wie wäre es, wenn wir unsere Gäste einfach NICHT traumatisieren? Mein Team hat Monate damit verbracht, die Umweltsensorik auszubalancieren.«

»Ihrer Umweltsensorik wird schon nichts passieren! Ich sage es gerne nochmal so, dass selbst Sie …«

Ein lautes Räuspern vom Kopfende des Tisches lässt mich verstummen.

Verdammt, ich hätte mich nicht so von ihm provozieren lassen dürfen.

CEO Duvall reibt sich die Schläfen. In letzter Zeit sieht er aus, als stünde er kurz vor einem Burnout, vermutlich wegen dieses Skandals mit seiner Tochter.

»Herr Vance, lassen Sie Frau Kosta bitte ausreden. Und klären Sie Ihre technischen Unstimmigkeiten in Zukunft intern, so wie es sich für zwei Abteilungsleiter gehört.«

Ein schadenfreudiges Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht, das ich hastig hinter meiner Hand verberge, als Duvall sich mir wieder zuwendet. Sein Blick ist stählern.

»Ich warte auf Ihren Punkt, Kosta.«

»Ähm, ja, natürlich«, sage ich rasch, straffe meine Schultern und deute auf den gebogenen Wandbildschirm, auf dem ein Strukturmodell in pulsierendem Blau aufleuchtet. »Wie gesagt haben mein Team und ich dieses sogenannte Serendipity-Protokoll entwickelt, um der Langeweile entgegenzuwirken. Das ist eine kontrollierte Störvariable. Ein defekter Bootsmotor auf offener See, ein vertauschtes Gepäckstück in der Lobby oder ein plötzlicher Platzregen bei einem Strandspaziergang. Situationen, die die Gäste aus ihrer Passivität reißen und sie zwingen, zusammenzuarbeiten und zu improvisieren. Das echte Leben ist unvorhersehbar. Wenn alles perfekt läuft, lässt das die Zufriedenheit paradoxerweise sinken. Statistiken zeigen, dass achtzig Prozent aller Beschwerden auf Unterforderung zurückzuführen sind. Die Leute glauben, sie wollen Entspannung, aber was sie wirklich wollen, ist, sich lebendig fühlen.«

»Und diese kleinen Störvariablen«, mischt sich Vance schon wieder ungefragt ein, »werden unsere Parameter sprengen. Ein plötzlicher Sturm überlastet die Temperatur-Rückkopplung.«

»Es wird keinen plötzlichen Sturm geben!«

»Ach nein? Und als was würden Sie einen unvorhergesehenen Platzregen bei 12 Grad Celsius bezeichnen?«

»Wenn Sie Ihren Job richtig machen würden, wäre die Sensorik flexibel genug, um mit ein bisschen Regen umzugehen! Wie machen Sie das bitte bei der Sturmflotte Arkanis?«

»Bei Arkanis gehören Extrembedingungen dazu! Das ist nicht die gleiche Zielgruppe. Das zu vergleichen ist …«

»Es reicht!«, donnert Duvalls Stimme durch den Konferenzraum.

Augenblicklich herrscht Totenstille. Selbst Jim Rutherford, der sonst immer etwas zu sagen hat, klappt den Mund zu.

»Wir brauchen eine Lösung.« Duvall stützt die Ellbogen auf den Tisch und faltet die Hände. Sein Blick wandert zwischen Vance und mir hin und her. Für einen Moment sehe ich den skrupellosen Geschäftsmann in ihm, der Syntera Realms zu dem Multi-Milliarden-Konzern gemacht hat, der es heute ist.

»Diese ewigen Grabenkämpfe zwischen der Narrativen Gestaltung und der Physik-Engine rauben mir den letzten Nerv. Die Buchungszahlen für Escapada sinken. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, kostet uns die Serverkapazität mehr, als wir damit einnehmen.«

Ich öffne den Mund, um mich zu verteidigen, doch er hebt eine Hand.

»Wir werden Ihnen ein privates Subszenario einrichten und Sie beide werden dieses ...« Er macht eine abwinkende Geste mit den Händen. »Stör-Protokoll testen.«

Mein Herzschlag setzt für eine Sekunde aus.

»Wie bitte?«, stammle ich.

»Sie haben mich richtig verstanden, Frau Kosta.« Seine hellen Augen fixieren mich. »Sie sagen, Escapada braucht Chaos, Herr Vance sagt, das wird die Sensoren sprengen, also probieren wir es aus.«

»Wir beide?« Die Lässigkeit ist aus Dorians Haltung verschwunden. »Dafür gibt es Beta-Tester, die …« Er verstummt. Wahrscheinlich erinnert er sich an den Zwischenfall mit Emerald Nights und will Duvall nicht noch weiter provozieren. Da kann ich ihn ausnahmsweise verstehen.

»Sie beide kennen die Welt besser als jeder andere. Finden Sie einen funktionierenden Kompromiss.«

Galant steht er auf und knöpft sein Sakko zu. Das Meeting ist anscheinend beendet, dabei habe ich gerade mal die ersten fünf Seiten meiner Präsentation abgespielt. Auch Herr Rutherford und die restlichen Vorstandsmitglieder erheben sich und sammeln ihre Unterlagen ein.

»Meine Assistentin schickt Ihnen eine Termineinladung für Anfang nächsten Monat«, informiert er uns, als er schon beinahe durch die Tür ist. »Wenn Sie mir bis dahin keine funktionierende Lösung präsentieren, werden wir Escapada einstampfen.«

Was? Ich dachte, er kürzt uns das Budget oder wird uns zwingen, mehr In-World-Werbung zu platzieren.

»Sie beide machen das schon«, fügt Rutherford mit einem glatten Lächeln hinzu. »Sie sind unsere klügsten Köpfe.« Gönnerhaft nickt er uns zu, ehe er mit den restlichen Vorstandsmitgliedern den Konferenzraum verlässt.

Kaum ist die Glastür hinter ihnen ins Schloss gefallen, wendet mir Dorian sein selbstgefälliges Gesicht zu. Sein dunkles Haar fällt ihm in einer nachlässigen Welle in die Stirn, wodurch er ein wenig aussieht wie ein Cowboy aus einem dieser Western, die niemand mehr schaut. Ich kann ganz ehrlich nicht verstehen, wieso alle Frauen aus der HR-Abteilung derart auf ihn abfahren. Ja, er sieht gut aus, aber er weiß es auch und Männer, die sich ihrer Schönheit bewusst sind, sind unerträglich. Meine Mutter pflegte zu sagen: »S liza wodu ne pit«, was übersetzt so viel heißt wie: »Von einem schönen Gesicht kann man kein Wasser trinken«, und da hat sie zu hundert Prozent recht. Ein hübsches Äußeres nützt einem im wahren Leben rein gar nichts.

»Gut gemacht, Kosta«, sagt er mit einem spöttischen Unterton. Im Gegensatz zu mir hat er den Schock erstaunlich gut weggesteckt. »Sie haben uns beiden gerade einen dreiwöchigen Urlaub erstritten.«

Ich? Ich habe das? Diese Aussage ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

»Wenn Sie unbedingt mit mir allein sein wollten, hätten Sie doch einfach fragen können.« Er zwinkert mir zu, dreht sich um und lässt mich stehen.

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