Für alle, die düstere Vampir-Settings, tödliche VR-Games, Intrigen und prickelnde Rivals-to-Lovers-Dynamiken lieben.
Für Lya Holst ist das Blutmond-Kolosseum der ultimative Kick. Die brutale Wandlung, die ewige Nacht und der Überlebenskampf sind genau das, was sie braucht, um den Kopf freizubekommen. Mit ihrer LARP-Gruppe bucht sie das virtuelle Szenario zweimal jährlich. Sie kennt das Regelwerk und die Lore der Vampirhäuser und weiß genau, wie man in der Arena überlebt. Doch dieses Mal teilen sie sich das Setting mit einer rivalisierenden Fraktion. Was als gewöhnliches Rollenspiel beginnt, entwickelt sich zu einem erbitterten Nervenkrieg um Macht, Blut und Ehre, bei dem ein anderer Spieler für Lya bald gefährlicher wird als die eigentlichen Monster der Arena.
Mit lautlosen Schritten kommt er näher, ein breit gebauter Hüne in abgenutzter Lederrüstung. Hinter ihm ragen die kahlen Bäume wie dunkle Skelette in den Himmel, nur spärlich beschienen vom roten Licht des Blutmonds. Gleich wird er seine Eckzähne in meinen Hals schlagen. Ich hasse diesen Moment. Ich hasse ihn und gleichzeitig sehne ich mich danach, wenn ich abends allein auf meinem Sofa sitze.
Mein Herzschlag legt an Tempo zu, während ich ihm entgegenblicke. Er macht sich nicht einmal die Mühe, schneller zu werden. Gemächlich setzt er einen Fuß vor den nächsten, die dunklen Augen unentwegt auf mich gerichtet.
Einmal bin ich abgehauen, aber ich habe es nur bis zur alten Burgruine geschafft, da hat er mich eingeholt und an den Haaren in den Schlamm gedrückt. Auch Kämpfen bringt nichts. Er spielt mit mir, bis ich erschöpft im Dreck liege. Wenn man den Charakter Vampir wählt, gehört die Wandlung dazu. Deshalb bin ich eine der wenigen von unserem Clan, die sich diesen Einstieg noch antun. Alle anderen gehen als Söldner, Waldläufer oder gewöhnliche Sterbliche rein. Ich kann ganz ehrlich nicht sagen, wieso ich …
Der Gedanke entgleitet mir, als er einen Satz nach vorne macht und mich grob an den Schultern packt. Bevor ich schreien kann, presst sich eine eiskalte Hand auf meinen Mund und seine Zähne schlagen in mein Fleisch.
Fuck! Keuchend sinke ich in die Knie. Würde er mich nicht festhalten, würde ich vornüber auf den Waldboden kippen.
Von meiner Halsschlagader aus breitet sich ein heißes Brennen aus, gemischt mit diesem Ziehen im Unterleib, das, wie ich mir mittlerweile eingestehen muss, Erregung ist.
Seine muskulösen Oberarme quetschen meine Rippen, sodass ich kaum Luft zum Atmen habe. Ein tiefes Knurren vibriert in seiner Kehle, während er gierig trinkt, immer mehr, bis ich wie ein nasser Sack in seinen Armen liege. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Als würde man von innen heraus verzehrt werden.
Ich stöhne, als er erneut zubeißt. Seine Schluckgeräusche jagen mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Er macht mir Angst. Noch immer. Jedes Mal, wenn er mit dieser mörderischen Intensität auf mich zukommt, mache ich mir beinahe in die Hose. Doch gleichzeitig will ich, dass es niemals aufhört.
Mein Puls rast, bevor er unnatürlich langsam wird. Die Hitze weicht einer eisigen Taubheit, die sich wie Raureif über meine Knochen legt. Gleich werde ich k. o. gehen und wenn ich aufwache, liege ich in meinem Zimmer im Burgturm und das eigentliche Spiel beginnt.
Die Welt dreht sich. Das grelle Rot des Blutmonds über uns verschwimmt zu einem schmutzigen Braun, dann wird alles schwarz.
Das Erste, was ich registriere, ist der Geruch nach feuchtem Stein und verkohltem Holz. Das Zweite ist eine unnatürliche Kälte in meinen Knochen.
Ich schlage die Augen auf und blinzle gegen das flackernde Licht des Kamins an, der in der Ecke des kargen Raumes brennt. Die dicken Wände der Burgruine verschlucken jedes Geräusch von draußen. Ich liege in ein schlichtes Leinenhemd gekleidet auf einem rustikalen Holzbett. Die Pelze sind rau an meinen nackten Armen.
Mein Kopf dreht sich noch vom Blutverlust, aber das ist nichts gegen den unstillbaren Durst, der in meiner Kehle brennt. Er dauert zwei Tage an, wie ich aus meinen vorherigen Runs weiß. In diesen zwei Tagen kann ich an nichts anderes denken, als meine Zähne in pulsierende Adern zu schlagen. Zu Hause ernähre ich mich sehr ausgewogen, aber hier drin würde ich für einen Tropfen Blut alles tun.
Mühsam richte ich mich auf und schwinge die Beine über die Bettkante. Die Kälte des Bodens schickt einen Schauer über meinen Körper.
Wenn sie in den letzten sechs Monaten keine Änderungen an der Startsequenz vorgenommen haben, dauert es noch etwa zwei Minuten, bis der Fürst von Haus Valerius auftaucht. Er ist das Oberhaupt dieser Fraktion.
Klack. Klack.
Da ist er schon. Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Seine schweren Schritte hallen über den Stein. Es wäre unheimlich, würde ich das nicht bereits zum sechsten Mal erleben. Gleich wird er eintreten und mein in Leder gehüllter Angreifer wird ihm wie ein Schatten folgen. Etwas in mir kribbelt vor Vorfreude.
Ich habe darüber nachgedacht, den Romance Mode zu aktivieren. Nur einmal diesen harten Körper auf mir spüren. Aber ich habe das Gefühl, damit übertrete ich eine Grenze. Hier zu sein, Vampir zu spielen und mich vom Adrenalin berauschen zu lassen, ist das eine, aber mich von einer Kreatur der Nacht vögeln zu lassen, eine andere. Womöglich würde er mich für den Rest meines Lebens ruinieren. Ich habe keine Lust, einen Fetisch zu entwickeln. Zudem weiß ich aus Erfahrung, dass seine unberechenbare, dunkle Art nicht lange anhält. Wenn ich erst mal zu seiner Fraktion gehöre, wird er geradezu handzahm, was ein echter Abturner ist. Keine Ahnung, was es über mich aussagt, dass ich ihn nur anziehend finde, solange er mich jagt.
Das Klacken der Absätze kommt näher und ich stelle mich aufrecht hin, obwohl mir noch schwindelig ist. Lieber stehe ich auf eigenen Beinen, wenn die Tür aufgeht.
Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, da öffnet sie sich auch schon knarrend und Fürst Aldric von Haus Valerius tritt ein. Er füllt den Rahmen, wie er es immer tut. Mit seinem silbernen Haar und dem Mantel aus Brokat sieht er ein bisschen aus wie ein Gemälde, das jemand zum Leben erweckt hat. Jedes Mal aufs Neue bin ich wieder beeindruckt, wie er es schafft, einen Raum einzunehmen, ohne sich auch nur zu bewegen.
Eine halbe Körperlänge zurück steht mein Angreifer, die Arme vor der Brust verschränkt und mit einem Gesichtsausdruck, als wünschte er, er hätte mich einfach liegen lassen können. Tja, Pech gehabt, hier bin ich und schon bald werde ich in der Rangordnung dieses Hauses weit über ihm stehen.
Ich sauge seinen Anblick in mir auf. Das Leder seiner Rüstung ist noch nass vom Tau und auch die Schlammspur auf seiner Wange hat er sich nicht abgewischt. Mein Blut hat dunkle Flecken an seinem Kragen hinterlassen. Er heißt Celan, auch wenn er mir das noch nicht verraten wird. Das wird er erst in der dritten Nacht tun, wenn Aldric ihm befiehlt, mich durch die Katakomben zu führen. Einen Tag darauf betrinkt er sich mit billigem Fuselwein und verhält sich ab da, als wären wir seit Jahren die besten Freunde. Ironischerweise ist das der Moment, an dem er jegliche Attraktivität für mich verliert.
»Du lebst«, bemerkt der Fürst.
»Jep.«
»Nicht viele überstehen die Wandlung. Die meisten verlieren den Verstand, verzweifeln am brennenden Durst oder betteln um den Tod.« Nachdenklich mustert er mich. »Das ewige Leben ist ein Privileg, doch es verlangt ein Opfer. Dein menschliches Herz ist schwach. Bald schon wird unser Gift es ausgebrannt haben, sodass nur noch deine wahre Natur übrig bleibt.«
Ach, verdammt, ich habe vergessen, wie gerne er sich selbst reden hört.
»Du gehörst nun zu Haus Valerius«, fährt er mit seinem Monolog fort und sieht mich dabei an, als erwarte er, dass ich ihm für dieses Geschenk auf Knien danke. »Unser Hof ist kein Ort für Schwache. Wir dulden keine Unentschlossenheit, keine Sentimentalität und keine Bindungen. Du bist jetzt eine Tochter der ewigen Nacht.«
Er macht eine Pause, die er wohl für dramatisch hält und die es, objektiv betrachtet, auch ist. Er ist gut, wirklich, der Mann hat eine Stimme wie Donnergrollen und er weiß sie einzusetzen.
Da ich seine Eröffnungsrede mittlerweile auswendig kenne, klinke ich mich bei »ewige Verdammnis« aus und betrachte stattdessen Celans Hände. Sie sind groß, mit langen Fingern und hervortretenden Sehnen, die sich unter der Haut abzeichnen. Wenn seine Hände schon so groß sind, frage ich mich, wie groß erst sein …
»Schwörst du?«
Mist! Das ist der Moment, wo ich meine Loyalität bekunden soll.
»Immer doch. Ich schwöre dem Licht ab und diene den Schatten.« Ich reibe mir den Hals, wo der Schmerz in ein Pochen übergegangen ist. »Wann bekomme ich Blut?«
Allein beim Gedanken daran zieht sich mein gesamter Rachen zusammen. Unwillkürlich lecke ich mir über die Lippen.
»Du wirst dich beweisen müssen, ehe die Unseren dir vertrauen.«
»Jaja, schon klar. Ich werde euch treu ergeben sein.«
Aldric hebt eine Augenbraue. Bei unserem letzten Run ist es mir gelungen, bis in den inneren Zirkel aufzusteigen, und ich beabsichtige, es dieses Mal noch weiter zu schaffen. Als ich ihn damals ins Elysium begleitete, hat er mir gesagt, er mag meine Unverfrorenheit, also werde ich daran nichts ändern.
»Zurück zum Blut. Können wir das abkürzen?«
»Ungeduld ist eine Schwäche.« Ein missbilligender Zug bildet sich um seine Lippen. »Als Frischling wirst du lernen müssen, deine Triebe zu beherrschen. Blut ist ein Privileg, kein Recht.«
Verdammter Sadist!
Ab hier wird es tricky. Als ich zum ersten Mal hier war, haben sie mich tagelang aushungern lassen. Ein anderes Mal haben sie mich so lange mit einer Ratte in einen Raum gesperrt, bis ich sie gebissen habe. Das war demütigend! Dazu werden sie mich kein zweites Mal bringen. Ich weiß, dass sie im Keller Blutbeutel lagern. Die Frage ist nur, wie ich sie dazu bekomme, sie herauszurücken.
Letztes Mal war ich gut, aber nicht gut genug. Zwar bin ich schnell an Blut gekommen, doch sie haben mich gezwungen, in der Arena zu kämpfen. Ich wäre dabei fast draufgegangen. Die letzten Monate habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich das umgehen kann, und bin zum Schluss gekommen, dass ich mein Wissen als Waffe einsetzen muss.
Also hebe ich das Kinn und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich der Durst quält.
»Ich weiß, dass Haus Corvinus und Morvan planen, Valerius aus dem Hohen Rat zu drängen. Ich kann euch helfen, die Mehrheit zu erlangen.«
Celan schnaubt verächtlich. »Ein Frischling will uns helfen?«
Ich sehe ihn nicht einmal an. Er ist heiß, aber unwichtig. Mein eigentliches Ticket zur Macht ist Aldric.
»Jep. Und der Frischling weiß auch, dass die Söldnergilden aus dem Osten seit Wochen eure Blutlieferungen abfangen.«
»Das ist eine Lüge«, knurrt Celan, während Aldric lediglich die Stirn runzelt.
»Ich weiß, wer euch verraten hat«, fahre ich unbeirrt fort. »Wenn ihr mich zu eurer Beraterin macht, liefere ich euch den Kopf des Verräters. Allerdings fällt es mir schwer, mich zu erinnern, wenn ich derart hungrig bin.«
»Du überschätzt deinen Wert, Frischling.« Mit einem einzigen Schritt steht Celan vor mir und packt mich am Hals.
Mist, ich habe es übertrieben.
»Ihr braucht mich«, presse ich hervor und kämpfe gegen die schwarzen Punkte vor meinen Augen an. »Haus Corvinus und Morvan haben die Söldner angeheuert, um euch auszuhungern.«
Seine Augen verengen sich.
»Sie kennen alle eure Versorgungswege, aber wenn ihr die nächste Lieferung durch die unteren Katakomben umleitet, kommt ihr ihnen zuvor.«
Endlich lockert er seinen Griff, sodass ich nach Luft schnappen kann. Keuchend reibe ich meine schmerzende Kehle. Scheiße, wenn er schon so zupackt, sollte er dabei wenigstens nackt sein.
»Ich kann euch die Route auf einer Karte zeigen«, sage ich, dieses Mal etwas vorsichtiger.
Er neigt den Kopf und eine Sekunde lang frage ich mich, wieso er derart angestrengt über meine Worte nachdenkt, bis ich realisiere, dass er lauscht. Jetzt, wo ich darauf achte, höre ich es auch. Schritte in einem der angrenzenden Räume. Der Vampirinstinkt verleiht uns geschärfte Sinne, was verdammt nützlich ist, wenn auch etwas überstimulierend. Wenn ich wieder zurück bin, dauert es immer Tage, bis ich mich mit der tristen Realität abfinden kann.
»Sie sind wach«, stellt Celan fest und Aldric nickt. »Hol Ravik.«
Warte, was? Das ist neu.
»Wer ist wach?« Irritiert sehe ich zwischen ihnen hin und her.
»Wenn wir wiederkommen, wirst du uns alles erzählen, was du weißt.« Ohne meine Antwort abzuwarten, geschweige denn mir Blut zu geben, verlässt Aldric den Raum, dicht gefolgt von Celan. Die schwere Holztür fällt hinter ihnen ins Schloss und ich höre das Klicken eines Riegels.
Sie haben mich eingesperrt? Das ist mir seit meinem dritten Run nicht mehr passiert.
Fluchend werfe ich mich gegen das Holz, aber die Tür rührt sich keinen Millimeter.