Für alle, die RomCom-Dynamik mit magischen Akademie-Vibes und einer ordentlichen Portion Kopfkino mögen.
Kya hat nicht das geringste Interesse daran, in die Fußstapfen ihres ehrgeizigen Ziehvaters zu treten. Doch als ihre Vorzeigeschwester Rachel wegen eines Skandals aus dem Rennen fliegt, muss sie an ihrer Stelle die Aufnahmeprüfung der Veloria-Akademie antreten. Die Prüfung findet in einer virtuellen Welt der Firma Syntera Realms statt und wird schnell zu einem surrealen Trip durch ihre Psyche.
Als wäre es nicht schon anstrengend genug, sich mit den Abgründen des eigenen Unterbewusstseins herumzuschlagen, taucht auch noch der arrogante Schütze Leon auf und lässt sie an allem zweifeln, was sie geglaubt hat zu wissen.
»Sind Sie bereit?« Der Doktor schenkt mir einen Blick über den Rand seiner Brille hinweg.
»Nein«, antworte ich wahrheitsgemäß, was ihn nicht im Geringsten zu interessieren scheint. Abwesend wischt er auf seinem Tablet herum.
Um mich herum fiept und piepst es pausenlos. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, ich bin im Labor eines verrückten Wissenschaftlers gelandet. Wobei der gute Doktor auch wirklich alles dafür tut, dieses Klischee zu erfüllen. Mit seinem lichten, streng zur Seite gekämmten Haar, dem knochigen Gesicht und den irren, eisblauen Augen könnte er geradewegs Mary Shelleys »Frankenstein« entsprungen sein. Da hilft ihm auch sein weißer Kittel nicht. Im Gegenteil, der macht es noch schlimmer.
»Das war mein voller Ernst!«, füge ich hinzu.
»Kya, bitte.« Jim tritt an meine Liege und blickt mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck auf mich herab. Aus meiner unwürdigen Position heraus habe ich freie Sicht auf seinen perfekt getrimmten, melierten Bart und seine Nasenlöcher.
Mehr sagt er nicht, aber das muss er auch nicht. Seine Gedanken kann man bis nach Timbuktu hören: Wie habe ich es nur verdient, mit so einer störrischen Ziehtochter bestraft zu werden? Andere wären dankbar für diese Chance.
Tja, da hat er vermutlich recht. Ich wäre ebenfalls dankbar, wenn jemand anderes diese Chance bekäme.
»Ich verstehe einfach nicht, wieso ich hier sein muss«, maule ich und versuche, mich auf der Gelmatte ein bisschen bequemer hinzulegen. »Ich bin vollkommen zufrieden mit der staatlichen Uni.«
»Weil du ein Teil dieser Familie bist, Kya. Der Name Rutherford ist seit Generationen mit der Veloria verbunden. Das Komitee erwartet von uns, dass wir einen Anwärter stellen. Es wird Zeit, dass du das akzeptierst.«
»Ach, und Rachel ist plötzlich kein Teil dieser Familie mehr, oder wie?«
Sein Bart zuckt verräterisch. Es muss ihn innerlich wahnsinnig machen, dass er sich mit mir herumschlagen muss, wo er doch die perfekte Veloria-Anwärterin schon in der Tasche hatte. Rachel ist ehrgeizig, diszipliniert und hochmotiviert. Der Typ Mensch, der freiwillig um fünf Uhr morgens aufsteht, joggt und dann noch stolz auf den niedrigen Puls ist. Aber dann kam eben Cira und mit ihr die große, von allen Paparazzi fotografierte Liebe.
Nicht irgendeine Cira, nein. Cira Lestrane, Tochter zweier prominenter Aktivisten, offen queer und leider auch das Symbol all dessen, was dem konservativen Aufnahmekomitee Schnappatmung verursacht.
Jim hat alles versucht, um die Katastrophe abzuwenden. Er hat Spenden in Aussicht gestellt und sich fast ein Bein ausgerissen, um die Wogen zu glätten, doch am Ende hat das Komitee nur freundlich gelächelt und Rachel von der Liste gestrichen.
»Deine Schwester hat ihre Entscheidung getroffen«, sagt er ruhig.
»Das ist so unfair«, nörgle ich. »Rachel ist tausendmal besser als ich und jeder weiß das!«
Doktor Frankenstein, der gerade ein rundes Metallstück aus einer Plastikverpackung pult, nickt zustimmend.
Entschuldigung? Was hat der Typ bitte für ein Problem?
»Es geht nicht darum, wer auf dem Papier besser ist. Es geht um unsere gesellschaftliche Stellung«, fährt mein Ziehvater fort. »Du hast eine Verpflichtung gegenüber deinem Namen, ob dir das nun passt oder nicht.«
Ah ja, Verpflichtung. Mein Lieblingswort aus seinem unendlichen Vokabular der emotionalen Erpressung.
»Gesellschaftliche Stellung«, wiederhole ich und forme mit den Fingern imaginäre Anführungszeichen über meinem Kopf. »Soll ich dann auch auf einem weißen Pferd einreiten und dem Pöbel majestätisch winken?«
»Es ist nun mal, wie es ist.« Mit zwei Fingern reibt er sich über die Nasenwurzel. »Du solltest deine Energie besser auf die Prüfung verwenden, statt dich über Dinge aufzuregen, die du nicht ändern kannst.«
»Das wird so peinlich. Alle anderen bereiten sich seit Jahren auf diesen Test vor.«
»Nicht alle Aufgaben erfordern Vorwissen.« Sein Tonfall soll wohl beruhigend sein, ist er aber nicht. »Du hast andere Talente, Kya. Du musst nur lernen, sie zu nutzen.« Er legt seine Hand auf meine Schulter, nur um sie direkt wieder wegzuziehen. »Außerdem standen dir genügend Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung. Dass du sie nicht genutzt hast, ist allein deine Schuld.«
Das Gespräch ist anscheinend zu Ende, denn er entfernt sich von meiner Liege.
»Wozu hätte ich bitteschön trainieren sollen?«, rufe ich ihm hinterher. »Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich Rachels Platz einnehmen muss!«
Natürlich ignoriert er mich, das ist sein Lieblingshobby. Ich höre, wie er sich leise mit dem Psychologen unterhält. Der sitzt da herum, weil seine Anwesenheit bei minderjährigen Kandidaten gesetzlich vorgeschrieben ist. Was genau er tun will, wenn mein Gehirn implodiert, ist mir ein Rätsel. Bisher habe ich ihn jedenfalls nichts anderes tun sehen, als seinen Kaffee zu trinken.
Resigniert starre ich an die grelle Decke. Wenn man schon das Pech hat, einen Ziehvater im Aufsichtsrat des größten Technologiekonzerns des Landes zu haben, wünscht man sich wenigstens einen, der sich mit einer brennenden Mistgabel vor das Komitee stellt und brüllt: »Meine Tochter, meine Regeln!« Leider ist Jim nicht der Typ für Mistgabeln. Er ist eher der Typ, der dem Mann mit der Mistgabel höflich erklärt, dass Gefühle keine Entscheidungsgrundlage sind und er sich bitte beruhigen solle.
»Das Setup steht«, meldet sich Dr. Frankenstein, äh, Dr. Veyl, zu Wort. »Ich werde nun die Schnittstelle befestigen. Es könnte etwas kalt sein.«
Bevor ich auch nur nicken oder panisch aufschreien kann, drückt er mir die kleine Metallplatte auf den Hals und klebt sie mit einem transparenten Pflaster fest.
»Nur nochmals zur Beruhigung«, sage ich nervös. »Mir kann nichts geschehen, richtig?«
»Das haben wir doch besprochen«, mischt sich Jim aus der Ecke ein. So gebieterisch, als hätte er die Software persönlich programmiert. Dabei sollte er nicht einmal hier sein. Keinem anderen Familienangehörigen ist es gestattet, der Aufnahmeprüfung beizuwohnen. Ich wünschte, jemand hätte mal den Mut, ihm das zu sagen. »Das Verfahren ist sicher.«
»Na klar«, murre ich. »Ihr schließt mich an einen Computer an und wühlt in meinem Unterbewusstsein herum. Klingt sicher.«
»Du bist nicht die Erste, die dieses Aufnahmeverfahren absolviert und wirst auch nicht die Letzte sein.« Schritte ertönen und kurze Zeit später erscheint er wieder in meinem Sichtbereich. »Mach bitte nicht so ein Drama daraus.«
Drama. Beleidigt presse ich die Lippen zusammen. Natürlich ist es für ihn vollkommen unverständlich, weshalb jemand kein Velor werden will. Einem Velor steht nach seinem Abschluss die Welt offen. Er ist ein Architekt der Zukunft, wie Jim nicht müde wird zu erwähnen.
Dass ich dafür schlicht zu faul bin und mir außerdem nicht das Geringste aus Geld und Macht mache, akzeptiert er nicht. Mein Mangel an Ehrgeiz geht ihm gewaltig gegen den Strich.
Klar, würde es mir vermutlich auch, wenn alle anderen in meinem Umfeld immer nur nicken und machen, was ich will.
Bei mir haben seine Manipulationen schon lange keine Wirkung mehr. Wahrscheinlich, weil ich jahrelange Übung darin habe, die feinen Unterschiede zwischen Onkel Jim und Vorstands-Jim zu erkennen. Im Grunde gilt, je entgegenkommender und freundlicher er ist, desto mehr muss man auf der Hut sein und ist er mit einem Vorschlag auf Anhieb einverstanden, sollte man die komplette Konversation noch einmal überdenken. Ich habe mir angewöhnt, ihm einfach aus Prinzip zu widersprechen, was wahrscheinlich der Grund ist, weshalb ich ihn derart zur Weißglut treibe. Es ist einzig seinem grenzenlosen Ehrgeiz zuzuschreiben, dass er seine Pläne für mich noch nicht aufgegeben hat.
»Aber«, beharre ich stur, »ich weiß noch nicht einmal, was ich überhaupt tun soll. Gibt es eine Quest? Ein Ziel? Soll ich einfach warten oder …?«
Jim hebt nur die Hand. »Du wirst schon wissen, was du zu tun hast, Kya.«
»Es ist unmöglich vorherzusagen, was genau Sie erwartet«, fügt der Doktor hinzu und fixiert mich mit seinen unheimlichen Raubvogelaugen über den Rand seiner Brille hinweg. »Vergessen Sie nicht, dass die Prüfung nur in Ihrem Kopf stattfindet. Sie wird von Ihrem eigenen Unterbewusstsein beeinflusst und passt sich Ihren jeweiligen Entscheidungen an. Sie werden in einer fremden Realität aufwachen und Dinge sehen und fühlen, die Ihnen sehr real erscheinen. Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten und angeborenen Instinkte.« Als er meinen bestürzten Blick auffängt, fügt er hinzu: »Sie brauchen sich auf keinen Fall zu fürchten. Wir sind vielleicht nicht in der Lage, bildlich zu verfolgen, was in Ihrem Kopf vorgeht«, dabei tippt er sich an die Stirn und grinst mich anzüglich an, »aber wir sehen die Ergebnisse und überwachen Ihre Werte. Ihnen wird nichts geschehen.«
»Wie beruhigend.« Kein bisschen beruhigt richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Jim und registriere erschrocken, dass sein Daumen auf exakt der Fernbedienung liegt, die ich mich vor zehn Minuten noch geweigert habe, entgegenzunehmen. Entgeistert starre ich auf seinen Finger. Er hat den Vorgang ohne meine Einwilligung gestartet? Das muss doch gegen irgendein Gesetz verstoßen!
Noch während ich grüble, ob es sich lohnt, deswegen einen Streit anzufangen, verblassen die Konturen des Raumes um mich herum. Das harte Licht der Deckenlampen verschmiert zu leuchtenden Streifen. Mir wird schwindelig und ich fühle mich, na ja, etwa so, als hätte ich eine Flasche Wodka intus oder wäre auf einem irren Drogentrip.
»Äh, ist das normal?«, frage ich oder viel eher: ich will es fragen, denn alles, was ich herausbringe, ist ein unartikuliertes Gurgeln.
»Vergessen Sie nicht, dass wir selbst oft unser größter Feind sind«, höre ich die Stimme des Doktors über mir. Ich versuche, ihren Ursprung auszumachen, aber als ich mich an der Liege abstützen will, greift meine Hand ins Leere. Alles um mich herum verschwindet, wird zu einem gleißenden Weiß, bis ich schwerelos im Nichts schwebe. In der nächsten Sekunde stürze ich im freien Fall in die Tiefe.
Ich lande auf meinem Allerwertesten, wobei von einer »Landung« zu sprechen, übertrieben ist. Der Boden ist einfach plötzlich da. Zack. Da sitze ich und eine Wand aus Hitze schlägt mir ins Gesicht. Auch die Luft riecht anders: weniger süßlich. Sie ist trocken und staubig.
Mit geschlossenen Lidern taste ich über die Erde … Moment, korrigiere. Das ist Sand. Eindeutig Sand.
Ich reiße die Augen auf und blinzle gegen das helle Licht an. Okay, das Zimmer ist verschwunden, das war ja zu erwarten. Stattdessen befinde ich mich in einer wüstenartigen Umgebung, was die Hitze und den ganzen Sand erklärt.
Stöhnend richte ich mich auf und klopfe mir den Dreck von meiner … ah ja, meiner Beduinenkleidung. Ich trage einen fliederfarbenen Umhang und, wie ich mit einem schnellen Griff an den Kopf feststelle, eine Art Tuch um die Haare. Meine heiß geliebten schwarzen Stiefel sind verschwunden und stattdessen stecken meine Füße nun in geschnürten, hautfarbenen Boots.
Soweit das Auge reicht nur Sanddünen und Sonne. Die Luft flimmert geradezu vor Hitze und am tiefblauen Himmel ist nicht das klitzekleinste Wölkchen zu sehen.
Das nenne ich mal einen krassen Szenenwechsel. Für einen Augenblick bin ich so gefangen von dieser Kulisse, dass ich nichts weiter tun kann, als mit offenem Mund dazustehen. Die Illusion ist der Wahnsinn. Wenn ich nicht genau wüsste, dass ich mich im Prüfungszentrum der Akademie befinde, könnte ich schwören, ich stünde mitten in der Sahara. Und zwar in einer Postkartenversion davon. Selbst das kleine Felsstück vor mir sieht aus, als hätte es jemand absichtlich platziert. Wer auch immer das alles hier modelliert hat, war ein Streber.
Meine Begeisterung hält eine volle Minute an, so lange nämlich, bis ich realisiere, dass ich keine Ahnung habe, wie lange dieses Szenario anhält und mir weder Ausrüstung noch Nahrung zur Verfügung stehen.
Prompt werde ich durstig.
»Du wirst schon wissen, was du zu tun hast«, äffe ich Jim nach.
Von wegen, ich scheitere ja schon bei der Nahrungsbeschaffung. Andere Bewerber fallen durch die Prüfung, weil sie einem Gegner unterlegen sind, ich, weil ich jämmerlich verdurste. Das ist so typisch für mich.
Argwöhnisch betrachte ich eine kleine Ansammlung mannshoher Kakteen. Lange, säulenförmige Gebilde mit spitzen Dornen. Ich glaube mich zu erinnern, dass gewisse Kakteenarten Wasser speichern und ich frage mich, woran man sie erkennt. Bei meinem Glück würde ich bestimmt den einzigen giftigen Kaktus in der ganzen Wüste erwischen.
Unschlüssig gehe ich auf die Gruppe zu und bleibe davor stehen. Wie macht man das? Draufhauen? Anbohren? Beherzt reinbeißen? Letzteres bringt mich zum Kichern, weil ich mir Jims entsetztes Gesicht vorstelle, wenn ich in einen Kaktus beiße.
Aber nein, eigentlich ist das nicht lustig. Es ist eher erbärmlich, dass ich überhaupt darüber nachdenke, einen Kaktus zu essen. Irgendwo notiert sich Dr. Veyl bestimmt gerade Dinge wie: »Neigt zu irrationalem Verhalten in Stresssituationen. Problemlösungskompetenz: unterdurchschnittlich.«
Probehalber kneife ich in meinen Arm. Mist. Das fühlt sich leider ziemlich real an.
»Na schön, Plan B«, murmle ich. »Wir bewaffnen uns.«
Entschlossen blicke ich mich um und entdecke fast sofort einen länglichen Stein, der ein bisschen aussieht wie eine Keule aus einem Cartoon.
Besser wird’s nicht.
Ich greife danach, schwinge ihn durch die Luft und genau in dem Moment höre ich hinter mir ein scharrendes Geräusch.