Für alle, die neonbeleuchtete Welten, rasante Straßenrennen und Underdog-Storys mit RomCom-Vibe lieben.
Milana hat von ihrem Vater vier Dinge geerbt: technisches Geschick, ihre Sentimentalität gegenüber Erinnerungsstücken, eine Werkstatt voller Schrott und einen riesigen Schuldenberg. Als das Inkassounternehmen mit der Zwangsvollstreckung droht, bleibt ihr keine andere Wahl, als in seine Fußstapfen zu treten und am Midnight Grand Prix, in dem virtuellen Szenario Urban Nights teilzunehmen. Als Preisgeld winken 100‘000 Franken, womit sie die Schulden ihres Vaters abzahlen und seine Werkstatt retten könnte. Zwischen wummernden Bässen, heulenden Motoren und ehrgeizigen Konkurrenten wird schnell klar, dass es auf der Strecke um mehr geht als nur um Geld.
Ein lautes Poltern, gefolgt von dem Scheppern von Metall, zerreißt die stickige Luft. Im nächsten Moment donnern Schraubenschlüssel, Zündkerzen und undefinierbare Stahlteile mitsamt dem Regalboden an mir vorbei auf den ölverschmierten Beton. Eines der verrosteten Auspuffrohre prallt an meiner Schulter ab.
»Autsch! Verdammt!«
Fluchend trete ich einen Schritt zurück und reibe mir den schmerzenden Oberarm. Die Kiste mit den Ersatzteilen, die mein Vater über Jahre hinweg auf dem wackeligen Regal balanciert hat, liegt neben mir in Trümmern. Ich wusste, dass es eine miese Idee war, unten im Regal anzufangen, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass dieses Teil nur durch Spucke und guten Willen zusammengehalten wurde.
Hustend wische ich mir den Staub aus dem Gesicht. Wer braucht bitte drei identische, verrostete Lichtmaschinen aus den Neunzigern? Das ist so typisch für ihn. Er konnte an keinem Schrottplatz vorbeifahren, ohne mindestens eine Sache mitzubringen, die er »irgendwann brauchen« würde. Nur dass dieses Irgendwann nie kam. Stattdessen ist er vor knapp vier Monaten mitten in seinem Chaos aus Öl, Rost und unbezahlten Rechnungen an einem Herzinfarkt gestorben und hat mir diesen ganzen Mist hier hinterlassen.
Seufzend bücke ich mich, um eine verbeulte Radkappe aufzuheben, als das schrille Geräusch der elektronischen Türklingel ertönt, begleitet von einem lauten »Hallooo?«.
Verblüfft blicke ich über die Schulter zurück. Ich habe doch das Schild umgedreht. Wer ist bitte derart rotzedreist, dass er mitten an dem Wort Geschlossen vorbei in eine Werkstatt marschiert?
Die Antwort lautet: Kredithaie. Als ich um den halb zerlegten Ford Mustang herummarschiere, der das Herzstück der Werkstatt bildet, stehen sie bereits im Eingangsbereich. Zwei Männer in dunkelblauen Anzügen und mit schwarzen Aktenkoffern in den Händen. Im Grunde könnten es natürlich auch die Zeugen Jehovas sein, aber dafür fehlen ihnen die Wachturm-Hefte.
»Frau Voigt?«
Ich nicke.
»Milana Voigt?«
Glaubt er, es laufen mehrere von uns Voigts hier rum? Falls ja, muss ich ihn leider enttäuschen. Sofern mein Vater nicht irgendwo ein halbes Dutzend uneheliche Kinder versteckt hat, gibt es nur mich.
»Die Werkstatt ist geschlossen«, teile ich ihm freundlich mit und wische mir die staubigen Hände an meinem Sommerkleid ab. »Wenn Sie ein Auto reparieren lassen wollen, versuchen Sie es zwei Straßen weiter.«
»Wir sind nicht wegen eines Autos hier, Frau Voigt«, antwortet mir sein Kollege. »Mein Name ist Herr Kessler, das ist mein Kollege Herr Weber. Wir vertreten die Sirius Inkasso & Treuhand AG.«
Mist, ich dachte, sie lassen mich erst ein paar Monate in Ruhe trauern, bevor sie hier auf der Matte stehen.
»Worum geht es?«
»Wir haben Ihnen in den letzten Wochen mehrere Einschreiben zukommen lassen, auf die Sie leider nicht reagiert haben«, antwortet Kessler im Plauderton. Vermutlich hat er innerlich schon jubiliert, als er gesehen hat, dass ihm eine junge Blondine in einem geblümten Sommerkleid die Tür öffnet. Ahnungslose Erbin? Jackpot!
»Ihr Vater hat bei unseren Klienten einen Berg von Schulden angehäuft.«
»Ich habe das Erbe erst vor ein paar Wochen angetreten«, erkläre ich und bemühe mich um ein trauriges Gesicht. »Ich muss mich erst noch durch seine Unterlagen wühlen.«
Und mit durchwühlen meine ich Ignorieren, denn die Briefe liegen alle ungeöffnet auf meinem Küchentisch. Ich hatte gehofft, dass sich das Problem von selbst löst. Vogel-Strauß-Taktik oder vielleicht sollte ich eher sagen: Voigt-Taktik. Anscheinend bin ich ganz die Tochter meines Vaters, auch wenn ich mein Kind niemals derart vernachlässigen würde.
»Mehr Zeit können wir Ihnen leider nicht einräumen.« Webers bedauernder Tonfall steht im Widerspruch zu seinem gelangweilten Gesichtsausdruck. »Da Sie das Erbe offiziell angetreten haben, sind die Schulden rechtmäßig auf Sie übergegangen.« Er reicht mir eine dünne Mappe. »Es handelt sich um einen ausstehenden Betrag von zweiundneunzigtausend Schweizer Franken. Zuzüglich Mahnspesen und Zinsen.«
Heilige Scheiße! Ich wusste, dass Vater finanzielle Probleme hatte, aber diese Summe kann unmöglich stimmen.
»Zweiundneunzigtausend?«, wiederhole ich, zu perplex, um angemessen schockiert zu sein. »Das muss ein Fehler sein.«
»Kredite für gewerbliche Maschinen und unbezahlte Rechnungen bei diversen Ersatzteillieferanten«, liest er vor und tippt mit dem Zeigefinger auf ein Dokument. »Importgebühren für amerikanische Oldtimer-Karosserien sowie diverse Teilnahmegebühren an virtuellen Hochpreis-Turnieren. Wir haben uns die Mühe gemacht, die Verträge notariell prüfen zu lassen.«
Mit offenem Mund starre ich ihn an. Ich kann ehrlich nicht sagen, was schwerer zu verdauen ist. Dass mein Vater mich nach jahrelangem Non-Kontakt derart in die Scheiße reitet, oder dass der Mann, der, seit ich denken kann, jede Art von neumodischem Schnickschnack aus tiefstem Herzen verabscheut, an virtuellen Straßenrennen teilgenommen haben soll. Ja, früher war er eine große Nummer in der Untergrundszene, wenn das eine weiß, dann ich, immerhin habe ich als Kind mehr Zeit unter Motorblöcken als auf dem Spielplatz verbracht, aber seit er in seinen Dreißigern diesen Unfall hatte, war sein Rücken im Eimer. Er hat nie wieder ein Wort darüber verloren. Ich dachte, er hätte das Racing längst aufgegeben.
»Und wie … läuft das jetzt ab?«
»Wir bieten Ihnen eine Ratenzahlung an«, sagt Herr Kessler freundlich. »Alternativ könnten wir auch die Pfändung des Inventars und der Immobilie einleiten. Wobei eine erste Schätzung ergab, dass diese …« Sein Blick schweift über die bröckelnden Wände, die verrosteten Hebebühnen und schließlich über mich in meinem staubigen Kleid, als würde er meinen Wert spontan miteinkalkulieren. »… charmante Werkstatt die Schuldensumme wohl kaum decken wird. Die Lage ist mäßig und das Gebäude baufällig.«
»Ratenzahlung«, sage ich rasch. »Wie viel muss ich bezahlen?«
»Viertausend Franken im Monat.« Weber schnappt sich die Mappe und reicht mir stattdessen eine Visitenkarte. Zumindest versucht er es, denn ich bin zu schockiert, um sie entgegenzunehmen.
Viertausend im Monat? Wie stellt er sich das bitte vor? Ich habe nur zwei Nieren zu verkaufen.
»Die erste Rate ist in vierzehn Tagen fällig«, erklärt er und lässt den Arm mit der Karte sinken, um sie auf einen Holzhocker zu legen. »Andernfalls sind wir gezwungen, die Zwangsversteigerung in die Wege zu leiten.«
»Ich würde Ihnen empfehlen, sich schnellstens um das Geld zu kümmern, Frau Voigt«, ergänzt sein Kollege und nickt mir zu. »Einen schönen Tag noch.«
Das werde ich ganz bestimmt nicht haben!
Als hätten sie sich abgesprochen, drehen sie sich synchron um und marschieren aus der Werkstatt. Die elektronische Klingel dudelt fröhlich, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt.