Buchcover: Die Erinnerung, um die ich kämpfen werde

Die Erinnerung, um die ich kämpfen werde

  • Dark Line
  • 3 Kapitel
  • Erscheint: Noch in Bearbeitung
  • Empfohlen ab 18

Für alle, die raue See-Settings, psychologische Spannung, Leidenschaft und düstere Geheimnisse lieben.

Worum es geht

Nach einem schweren Unfall erwacht die Ex-Marine Chiara ohne jede Erinnerung an ihr bisheriges Leben. Alles, was ihr geblieben ist, ist ein Verlobungsring an ihrem Finger. Um ihre blockierten Erinnerungen zurückzuholen, empfiehlt ihr der behandelnde Arzt eine gewagte Therapie. Er will sie drei Wochen in das virtuelle Szenario <i>Sturmflotte Arkanis</i> schicken. Die salzige Seeluft, die harte Arbeit an Deck und die ständige Gefahr sollen ihre Sinne reizen und ihr Gehirn zur Heilung zwingen. Begleitet wird sie dabei von dem leitenden Psychologen und dessen Assistenten. Doch je mehr Erinnerungen zurückkehren, desto klarer wird, dass auf diesem Schiff niemand der ist, der er zu sein vorgibt.

Leseprobe

Kapitel 1

Hustend spucke ich auf die Holzplanken. Der Geschmack von salzigem Meerwasser liegt auf meiner Zunge. Jeder Atemzug fühlt sich an, als würde ich winzige Rasierklingen einatmen.

»Noch mal!«, brüllt eine raue Stimme über das Tosen der Wellen hinweg.

Bevor ich begreifen kann, was passiert, packt eine Hand meine Haare und reißt meinen Kopf in den Nacken. Der Himmel über mir ist ein einziges, aufgewühltes Grau. Im nächsten Moment wird mein Gesicht mit Wucht in den Holzeimer vor mir gedrückt.

Eiskaltes Wasser schießt in meine Nase.

Ich trete und winde mich, aber die Seile, die meine Handgelenke auf dem Rücken zusammenschnüren, schneiden nur tiefer in mein Fleisch.

Ich will atmen, aber ich kann nicht. Panik kratzt an meinem Verstand, doch mein Überlebensinstinkt zwingt mich, den Mund geschlossen zu halten.

Als man mich endlich nach hinten reißt, japse ich verzweifelt nach Luft. Mein Körper zittert unkontrolliert, während das Salzwasser aus meinen Haaren über mein Gesicht rinnt.

»Bitte, wir wissen nichts!«, röchelt es links von mir.

Dr. Alistair, mein behandelnder Psychologe, kniet keine zwei Meter entfernt und spuckt würgend Wasser auf die Planken. Sein Leinenhemd klebt triefend nass an seinem Körper. Er sieht derart schockiert aus, dass unübersehbar ist, dass dies seine erste Traumabegleitung sein muss.

Ein unpassendes Lachen entdringt meiner Kehle. Es ist absurd. Das alles hier. Wie soll mir diese Scheiße helfen, mein altes Leben zurückzubekommen?

Neben mir platscht es laut, als Dr. Alistairs Assistent ins Wasser gedrückt wird. Im Gegensatz zu seinem Chef wehrt er sich nicht. Seine kontrollierte Körperspannung erinnert mich an meine ehemaligen Kameraden aus der Marine. Damals, wenn sie uns in der Ausbildung bis ans Äußerste trieben, stellte sich schnell heraus, wer den Druck aushält und wer bricht. Auch wenn der Doktor behauptet, sein Kollege sei nur für die Notizen hier, weiß ich mit absoluter Gewissheit, dass er ein ehemaliger Elitesoldat oder Söldner sein muss. Niemand, der noch nie Gewalt erlebt hat, würde eine solche Tortur derart stoisch über sich ergehen lassen.

Ein Schatten fällt über mich, und als ich hochblicke, steht der Captain vor mir. Er ist eine imposante Erscheinung, hochgewachsen und breitschultrig, gehüllt in einen schweren Gehrock aus dunkelrotem Samt. Sein Gesicht ist eine Landkarte aus Narben und Bartstoppeln. Mit einer herablassenden Miene betrachtet er mich, ehe er sich zu mir hinunterbeugt, mein Kinn packt und mich zwingt, ihm in die Augen zu sehen.

»Das hier ist kein Spiel«, zischt er mir ins Gesicht, sein Atem riecht nach Rum. »Wenn du nicht sprichst, wirst du dabei zusehen, wie deine Freunde von Bord gehen.«

Ich presse meine Lippen aufeinander und mache mich auf den nächsten Tauchgang gefasst. Doch dieser kommt nicht. Stattdessen höre ich erneut Dr. Alistair wimmern.

»Bitte«, fleht er. »Wir wissen wirklich nichts.«

Der Captain lacht. Er lässt mein Kinn los und richtet sich auf, seine Hand ruht auf dem Griff seines Säbels.

»Früher oder später werdet ihr reden.«

Mit einer knappen Geste winkt er zwei seiner Männer heran. »Werft sie in den Rumpf. Mal sehen, ob die Dunkelheit und die Ratten ihre Zungen lösen.«


Kaum hat sich die Luke über uns geschlossen, hüllt uns der modrige Geruch ein. Fahles Licht dringt durch die rissigen Fugen der Holzdecke und wirft Muster auf den Boden.

Mit dem Rücken sitze ich an die Planken gelehnt, die Hände hinter mir verschnürt und beobachte Dr. Alistairs schweigsamen Begleiter. Es ist offensichtlich, dass er nicht sein Assistent ist. Ich glaube, sie kennen sich nicht einmal besonders gut. Eben hat er geschnaubt, als Alistair fragte, ob es hier Ratten gebe. Schon im Krankenzimmer, als sie sich mir vorgestellt haben, habe ich ihnen die Geschichte nicht abgenommen.

Müsste ich raten, würde ich sagen, dass er im Sicherheitsdienst arbeitet. Wenn man bedenkt, wie ich nach dem Unfall aufgefunden wurde, ist es verständlich, dass sie Alistair nicht mir mir allein lassen wollen. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht einmal sicher, ob es hier wirklich um meine Amnesie geht oder ob sie mich nur aushorchen wollen. Doch solange ich durch sie etwas über meine Vergangenheit erfahren kann, werde ich mitspielen. Ohne Erinnerungen bin ich so gut wie wehrlos.

Im Halbdunkel betrachte ich sein markantes Gesicht. Das feuchte Haar klebt ihm in dunklen Strähnen an der Stirn und verleiht ihm etwas Raubtierhaftes.

Gerade als mein Blick an der kräftigen Muskulatur seiner Schultern hängen bleibt, hebt er den Kopf und sieht mir in die Augen.

Mist! Ich wollte nicht, dass er mich beim Mustern erwischt. Er soll nicht denken, dass ich ihn attraktiv finde. Er sieht gut aus, ja. Unter anderen Umständen wäre er mein Typ. Aber als ich aus dem Koma erwachte, trug ich einen Ring an meiner linken Hand. Solange ich nicht weiß, wer ihn mir angesteckt hat, werde ich mich zügeln.

Noch immer ruht sein Blick auf mir. Wie bei Alistair und mir sind seine Arme nach hinten gefesselt, aber da er deutlich breiter ist als wir, werden seine Schultern viel stärker überdehnt. Es muss schmerzhaft sein, doch er lässt sich nichts anmerken.

»Wie geht es Ihnen, Frau Riva?«, ertönt Dr. Alistars kratzige Stimme.

Wie es mir geht?

»Alles gut.« Ich werfe ihm einen kurzen Blick zu. »Wie geht es Ihnen?«

Unruhig rutscht er auf den schmierigen Planken hin und her und versucht eine bequemere Position zu finden.

»Ich muss zugeben, dass mich die Brutalität überrascht hat.« Er räuspert sich. »Sie haben … naja, wir mussten diese Verzichtserklärung unterschreiben, aber …«

»Das ist nur die Eröffnungssequenz.« Die tiefe Stimme lässt mich den Kopf drehen. »Keine Sorge, das wird bald vorbei sein. Das machen sie für die Authentizität.«

»Waren Sie schon öfter in einer dieser Welten, Herr Nowak?«, frage ich ihn.

»Ryan.«

Meine Augenbrauen heben sich. »Waren Sie schon öfter in einer dieser Welten, Ryan?«

»Ein paar Mal.« Er dreht sich ein wenig zur Seite und tastet mit den Fingerspitzen die Wand hinter sich ab. »Diese Fesseln werden wir bald los sein.«

Ich folge seinem Blick zu einem herausstehenden Nagel. Er ist zu hoch. Selbst wenn er sich auf die Beine kämpft und seinen massiven Körper an der schwankenden Wand hochschiebt, wird er da nicht rankommen. In der Marine haben wir solche Situationen öfter geübt. Im Ernstfall hat man selten eine Scherbe oder ein verstecktes Messer zur Verfügung. Auch an einer rostigen Kante herumzusägen, wie es in den Filmen immer dargestellt wird, ist Schwachsinn. Nicht nur würde das ewig dauern, es würde auch eine perfekte Position voraussetzen. Sich aus Fesseln zu befreien, ist hauptsächlich eine Frage von Anatomie und Schmerztoleranz.

Unser Ausbilder pflegte zu sagen: »Haut wächst nach, tote Kameraden nicht.« Wird man gefesselt, spannt man die Unterarme an und dreht die Handgelenke, das verschafft einem ein paar Millimeter Spielraum. Danach winkelt man die Daumen an, macht die Hände so schmal wie möglich und zieht. Wenn man den brennenden Schmerz der sich abschürfenden Haut ignoriert, kommt man raus. Wäre ich nicht durch das eiskalte Wasser so klamm und steif in den Fingern, hätte ich mich längst befreit.

Ich beiße die Zähne zusammen und winde meine Hände ein letztes Mal gegen die Taue. Ein heftiger Ruck und das brennende Gefühl von aufreißender Haut, dann sind sie frei.

»Meinten Sie so, Ryan?« Mit einer beiläufigen Geste massiere ich meine wunden Handgelenke, ein selbstgefälliges Grinsen auf den Lippen.

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