Für alle, die magische Fantasy-Welten, hitzige Wortgefechte und eine unwiderstehliche „Wrong Brother“-Dynamik lieben.
Für den perfekten Mann muss man manchmal Opfer bringen. In Thalias Fall bedeutet das: Drei Wochen in dem Drachenhort von Caelith verbringen, einer virtuellen Fantasy-Welt voller Elben, Magie und feuerspeiender Drachen. Was tut man nicht alles, um seinen heimlichen Schwarm zu stalken. Immerhin sorgt Thalias Modifikation dafür, dass er sie nicht erkennen kann. Der Plan ist idiotensicher. Eigentlich. Nur ist sein unausstehlicher älterer Bruder leider ebenfalls mit von der Partie und enttarnt sie bereits am ersten Tag. Nun muss sie sich nicht nur durch gefährliche Bergpfade und rätselhafte Runenräume schlagen, sondern auch noch dessen spöttischen Kommentaren aus dem Weg gehen.
Wer auch immer behauptet hat, Stalking sei romantisch, saß noch nie mit einer verkrümmten Wirbelsäule in einem Stechpalmengebüsch, während ihm eine Ameise das Hosenbein hinaufkrabbelt.
Krampfhaft versuche ich, das dämliche Insekt abzuschütteln, ohne dabei das trockene Laub unter mir zum Rascheln zu bringen. Gleichzeitig halte ich meinen Blick starr auf die Terrasse des Cafés gerichtet. Wenn sich nur dieser Ast hier nicht immer wieder in mein Sichtfeld schieben würde.
»Bist du dir sicher mit dem Drachenhort von Caelith?«, weht Thomas’ Stimme zu mir herüber. »Wir könnten auch das Blutmond-Kolosseum buchen. Ich habe gehört, da bekommt man auch übernatürliche Kräfte.«
»Ich will kein Blut saugen, du Freak.« Beim Klang von Julians Lachen setzt mein Herz einen Schlag aus. Er sitzt keine vier Meter von mir entfernt an einem der kleinen Bistrotische und die goldene Nachmittagssonne bringt sein kastanienbraunes Haar zum Leuchten.
»Schon gut, Drachenfliegen ist auch geil«, lenkt sein bester Freund ein. »Hauptsache, wir können Schwerter schwingen und ein bisschen was abfackeln. Mein Onkel meinte, es fühlt sich an wie echt.«
»So toll ist es auch wieder nicht«, brummt eine unverkennbar genervte Stimme.
Ich verziehe das Gesicht. Hätte ich geahnt, dass Kian heute den Aufpasser spielt, hätte ich mir das Gebüsch gespart. Wo Julian das wandelnde Sonnenlicht ist, ist Kian die aufziehende Gewitterfront. Und das wortwörtlich. Er trägt immer Schwarz. Immer. Dazu ist er so bleich, als hätte er seit Jahren kein Tageslicht gesehen. Der Typ zieht die Stimmung runter, sobald er den Raum betritt. Kaum zu glauben, dass er mit dem heißesten Typen an der ganzen Lessing verwandt ist. Würde ich Julian nicht regelmäßig, sagen wir mal, beschatten, wüsste ich nicht einmal von seiner Existenz. Anscheinend hat er nach seinem Abschluss eine Ausbildung zum Fachinformatiker gemacht und arbeitet jetzt seit vier Jahren im Homeoffice, was ich eher unfreiwillig herausfand, als ich auf der Suche nach Julian durchs falsche Fenster spähte.
»Tu mal nicht so, als wärst du der Pro, nur weil du letztes Jahr mit Papa in Escapada warst. Jeder weiß, dass da nur Pensionäre und Langweiler hingehen«, zieht ihn Julian auf. »Außerdem ist es mein Geburtstagstrip. Kannst du die Tickets nun besorgen oder nicht?«
»Ich sagte doch, ich krieg das hin. Zehn Stück, wie gewünscht.« Er beginnt, die Namen der Mitreisenden aufzuzählen.
Da er ziemlich leise spricht, lehne ich mich etwas vor, um ihn besser verstehen zu können. Leider verliere ich dabei das Gleichgewicht und greife geistesgegenwärtig oder eher ziemlich ungeistesgegenwärtig nach dem kleinen Ast, der natürlich prompt durchbricht.
Knack.
Julians Kopf schnellt herum und ich werfe mich flach auf den Bauch. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Bitte lass sie denken, es war ein Eichhörnchen.
Ich halte den Atem an und zähle bis zehn. Nichts passiert. Keine Schritte, keine wütenden Stimmen. Stattdessen höre ich Julian und Thomas über die Elfen-Schankmägde in Caelith diskutieren.
Sicherheitshalber bleibe ich zwei weitere Minuten liegen und richte mich erst wieder auf, als ihre Stimmen sich entfernen.
»Wenn du dich das nächste Mal in einem Gebüsch versteckst«, ertönt eine dunkle Stimme über mir, »würde ich empfehlen, dafür kein rotes T-Shirt anzuziehen. Das schwarze Top von letzter Woche war viel unauffälliger. Ich hätte dich unter dem Pavillon beinahe nicht erkannt.«
Erschrocken reiße ich den Kopf hoch.
Kian steht am Rand des Gebüschs, die Arme vor dem schlaksigen Körper verschränkt. Ein spöttischer Zug spielt um seine Mundwinkel. Er sieht nicht überrascht aus, sondern so, als hätte er mich schon vor zehn Minuten bemerkt und nur darauf gewartet, dass ich mich lächerlich mache.
»Sie sind drin«, teilt er mir mit. »Du kannst jetzt aufhören, Gartenzwerg zu spielen.«
Ach, verdammt!
Ich gebe meine Deckung auf und klaube mir die Blätter aus den Haaren. Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtet er mich dabei.
»Was muss ich tun, damit du mir eines dieser Tickets besorgst?«
»Einundzwanzig werden.«
»Tja, tut mir leid, deine Vorurteile zu zerstören, aber tatsächlich bin ich seit dem Frühling einundzwanzig.«
Er sieht aus, als zweifle er an meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit.
»Nur weil ich hier im Dreck liege, heißt das nicht, dass ich ein Kleinkind bin«, füge ich schnippisch hinzu, woraufhin er unbeeindruckt an mir hinuntersieht. Von den Zweigen in meinen Haaren bis zu den Erdstreifen auf meiner Jeans.
»Gratuliere. Das ändert allerdings nichts daran, dass du nicht auf der Liste stehst.« Er dreht sich um und schlendert in Richtung Café-Eingang. Das heißt, er versucht es, denn ich greife ihn am Ärmel seiner schwarzen Jacke und halte ihn zurück.
Sein Blick heftet sich auf meine Finger.
»Komm schon«, flehe ich. »Jeder hat einen Preis. Was willst du dafür haben?«
»Wenn du so dringend mitwillst, frag ihn doch einfach, Stalker-Mädchen. Du siehst doch …« Er lässt den Blick über mein langes, dunkles Haar, das gebräunte Gesicht mit den hellen Augen und mein enges rotes T-Shirt wandern. »… ganz in Ordnung aus. Jules ist oberflächlich, er wird dich schon nicht abweisen.«
Ähm, danke? Ich verziehe das Gesicht. »Ich bin schüchtern.«
Das ist zumindest die halbe Wahrheit. Die ganze ist wesentlich peinlicher. Angefangen hat es damit, dass Julian mich in meinem ersten Semester nach dem Weg zum Hörsaal fragte, woraufhin ich aus lauter Überforderung sagte, dass das Gebäude heute leider geschlossen hat. Als er völlig zu Recht anmerkte, dass gerade Dutzende von Studenten durch die Haupttür strömten, behauptete ich, das sei eine geschlossene Gesellschaft. Dann ließ ich ihn stehen und lief rückwärts gegen einen Mülleimer. Ich kann mir ehrlich nicht erklären, was in meinem Gehirn abging. Ich hatte schlichtweg nicht erwartet, dass mich dieser heiße Typ anspricht. Zuerst war es mir unfassbar unangenehm, aber dann habe ich mich immer weiter hineingesteigert und nun hat es sich zu einer ausgewachsenen Obsession entwickelt. Leider habe ich den Moment verpasst, um wie ein normaler Mensch richtigzustellen, dass ich nicht gestört bin, was ironischerweise dazu geführt hat, dass ich mich tatsächlich gestört verhalte. Dabei rede ich mir ein, dass ich nur ein wenig Recherche betreibe, um mich bei unserem nächsten Gespräch nicht wieder zu blamieren.
»Einen besonders schüchternen Eindruck machst du auf mich nicht.« Mit einem Kopfschütteln reißt er sich los und lässt mich zwischen den zerdetschten Blättern stehen.